Durchsetzungsinitiative, Secondos und Einbürgerungen.

In Diskussionen zur so genannten »Durchsetzungsinitiative« kommt betreffend der Secondo-Problematik von den Befürwortern der Initiative oft der Einwurf: man könne sich ja einbürgern lassen. Man sei ja hoffentlich gut integriert, da sei das doch kein Problem?

Rein aus Interesse überprüfte ich, wie sich das für mich gestaltet hätte: Was, wenn die Ernis nicht seit der Zeit vor dem Rütlischwur auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gelebt hätten, sondern Kinder von Ausländern wären?

Um das Fazit vorweg zu nehmen: falls ich als schweizgeborener Ausländer aus welchen Gründen auch immer nicht von der Möglichkeit Gebrauch machte oder machen konnte, mich vor meinem 21. Lebensjahr erleichtert einzubürgern, wäre ich frühestens mit anfangs 50 Schweizer. Obwohl ich bis dann 45 Jahre in der Schweiz gelebt hätte.

Fristen, und eine Frage des Wohnsitzes

Die Bundesebene kann ich in Sachen Wartefrist ausklammern; ich bin in der Schweiz geboren und habe den weitaus größten Teil meines Lebens in der Schweiz gelebt. Selbst ohne »Jugendbonus« hätte ich spätestens bei Erreichen der Volljährigkeit die benötigte Aufenthaltsdauer erreicht. So oder so: mindestens sechs Jahre muss man in der Schweiz gelebt haben. Die Normalfrist beträgt 12 Jahre. Für Secondos/Secondas beides kein Problem, selbst dann, wenn sie bereits mit 16 Schweizer werden wollten.

Die Probleme fangen bei den kantonalen Fristen bzw. den Fristen der Gemeinden an. Oder anders gesagt: die Wohnsitzpflicht der jeweiligen kantonalen Einbürgerungsgesetze können für besagte Probleme sorgen. Manche Kantone sind da recht großzügig, im Kanton Zürich reichen zum Beispiel für die »reduzierte Frist« im besten Fall null bis zwei Jahre Aufenthalt im Kanton. Einige Gemeinden in verschiedenen Kantonen haben eigene Regeln, wie lange man in ihnen gelebt haben muss, bis man ein Einbürgerungsgesuch stellen kann, wieder andere überlassen das ihrem Kanton.

Was heißt das in meinem Fall? Nach der Matura studierte ich in Zürich, wählte später aus Kostengründen einen Wohnsitz im Limmattal, immer noch im Aargau. So weit, so gut; die Mindestaufenthaltsdauer von fünf Jahren, die der Aargau für den Wohnsitz im Kanton vorschreibt, sind eingehalten. Aber schon wenige Jahre nach dem Umzug begann meine Pendelei zwischen der Schweiz und Deutschland, und das aargauische Einbürgerungsgesetz verlangt einen »mindestens 3-jährigen ununterbrochenen Aufenthalt in der Gemeinde«. Als unterbrochen gilt diese Frist nicht nur, wenn man sich bei der Einwohnerkontrolle abgemeldet hat, sondern auch dann, wenn man »während mehr als sechs Monaten in einem Jahr tatsächlich im Ausland war«.

Betroffen sind so eigenartige Leute wie ich, mit damals zwei Lebensmittelpunkten, aber auch z.B. Austauschstudenten, Doktoranden oder Mitarbeiter von großen Unternehmen wie z.B. der im Aargau ansäßigen ABB – sei es wegen Montage im Ausland oder wegen der Versetzung zu einem anderen Forschungsstandort. Sechs Monate außer Landes, und die dreijährige Wartefrist beginnt von neuem.

Wie dem auch sei, in meinem Fall kam dann ein mehrjähriger Auslandaufenthalt hinzu. Später zog ich zurück in die Schweiz, in den Thurgau. Neue Frist! Dieses Mal sechs Jahre im Kanton. Da wir dann aber das Haus unserer Oma Paula übernommen haben, blieb es nur bei fünf Jahren – seit 2015 leben wir im Kanton St. Gallen. Der möchte acht Jahre Aufenthalt im Kanton. Ich könnte also im Jahr 2023 mein Einbürgerungsgesuch stellen. Dann wäre ich 48 Jahre alt, die durchschnittliche Verfahrensdauer beträgt 1-2 Jahre. Schweizer mit (knapp) 50. Woohoo!

Eine Frage nicht nur des Geldes

Aber Erni, dann hättest Du Dich halt noch als Student im Aargau einbürgern lassen können! Ja, und nein. Meine Studi-Zeit liegt schon ein Weilchen zurück, aber ich bin mir sicher, damals andere Sorgen und Prioritäten als die meiner Staatszugehörigkeit gehabt zu haben. Zum Beispiel finanzielle Prioritäten; auch wenn meine Wohnung klein und billig war, irgendwie musste ich bei der restriktiven Stipendienpolitik des Kantons ja auch noch mein Studium finanzieren. Da tun die mindestens CHF 2400.—, die die Gemeinde, Bund und Kanton Aargau fürs ordentliche Einbürgerungsverfahren möchten, weh. Und bei komplizierteren Familienverhältnissen können die Gebühren verdoppelt werden. Aber ja, es wäre wohl irgendwie machbar gewesen.

… aber dann kommt ja noch das Prozedere der Einbürgerung selbst. Je nach Gemeinde sichert die Gemeindeversammlung, der Einwohnerrat oder der Gemeinderat das Gemeindebürgerrecht zu. In der Regel verlaufen diese Verfahren wohl fair, aber gewisse Entscheide, oft durch Laien können durchaus willkürlich wirken. Das wissen auch junge Einbürgerungswillige.

Man nimmt also das Prozedere auf sich, zahlt – oft im Voraus – nicht wenig Geld und muss dann damit rechnen, wegen des »falschen« Namens, aufgrund von Bauchentscheiden, das Bürgerrecht doch nicht zu erlangen. Und das Ganze dann Jahre später nochmals versuchen zu dürfen. Nicht sehr attraktive Aussichten, und wie gesagt – im Alter um die zwanzig rum setzen wohl viele Menschen ihre Prioritäten anders.

Fazit

Mein Gedankenexperiment hat mir gezeigt: es ist zu einfach, von Secondos zu erwarten, dass sie sich »halt einbürgern lassen sollen, wenn sie ein Problem mit der Durchsetzungsinitiative haben«. Denn Fristen, Kosten und die Möglichkeit von Willkür schrecken ab. Die heutigen Lebensrealitäten entsprechen nicht denen von vor einem halben Jahrhundert. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der man üblicherweise von Lehrjahren bis Pensionierung denselben Arbeitgeber am selben Arbeitsort hat und kaum weiter als ein Nachbardorf oder in die nächste Stadt umzieht.

Von Arbeitnehmern wird vermehrt erwartet, dass sie in der Nähe ihres Arbeitsplatzes leben oder gegebenenfalls umziehen – womit neue Gemeindefristen anlaufen. Früher nannte man es »Job-Hopping«, wenn man nicht 10+ Jahre beim selben Arbeitgeber blieb. Heute jedoch schlägt sich die Generation Praktika mit dem Umgekehrten herum. Je nach Beruf gilt man als unflexibel, wenn man länger als vier, fünf Jahre im selben Unternehmen verbleibt. Die Globalisierung der Arbeit, mit weltweit verteilten Forschungsstandorten, Filialen und Niederlassungen, tut ihr übriges, dass viele meist junge Menschen eine hohe Mobilität zeigen müssen – eine Mobilität, die auch durchaus mal ein halbes Jahr oder länger Auslandaufenthalt bedingt, womit die Wartefristen für eine Einbürgerung wieder zurückgesetzt werden.

Dass ausgerechnet Sympathisanten derjenigen Partei, die Innenstädte schon mal mit solchen Plakaten verziert, heute von »sollen sich einbürgern!« sprechen? Das lässt mich gelinde gesagt etwas sprachlos zurück.

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Weshalb Telemarketing Kacke ist: Weil echte Menschen anderen echten Menschen etwas verkaufen sollen, obwohl diese anderen echten Menschen andere Probleme haben.

Ich habe vor Jaaahren mal etwas über Telemarketing geschrieben. Da ging’s um Respekt und Common Sense unzo.

Ich muss das ergänzen: B2C-Telemarketing ist Kacke. Auf allen Ebenen; es bringt fürs B nur wenig, für C auch, und der in der Mitte, der die Anrufe von einem Computer automatisiert führen darf, darf sich dann auch damit herumschlagen:

»Hallo Herr … Erni? Hallo. Ich rufe an wegen …«

»Falls Sie nicht aus dem Pflegeheim unserer Oma anrufen, die eventuell in den nächsten Tagen stirbt, blockieren Sie gerade das Telefon.«

»… Tut mir leid. Alles Beste.«

Da saß ein MENSCH am Telefon, die Verbindung aufgebaut wegen irgendwelchen CRM-Algorithmen, und er hat angemessen reagiert. Aber ich frage mich: Was soll der Kack mit B2C-Telemarketing? Im besten Fall hat jemand gerade Zeit und Lust, über Versicherungen, Wein, oder neue Fensterläden zu sprechen. Im suboptimalen Fall hast Du gerade eine aus ihrer Orgasmus-Kurve geklingelt. (Was wohl einen Coitus-Interruptus-Award gibt.) Im schlechtesten Fall halt gerade das jetzt: Jemand ist krank, im Spital oder im Pflegeheim, jedes Telefonklingeln lässt einen aufschrecken.

Hut ab vor dem mir unbekannten Callcenter-Agent, der sich menschlich verhalten hat. Aber ich hoffe auch, dass sich die ganzen Outbound-Callcenter-Leute ernsthaft fragen, womit sie eigentlich ihre Provisionen verdienen. Kurz gesagt finanzieren sie sich den Lebensunterhalt damit, dass sie Leuten nicht gerade zu sehr in die Privatsphäre vorstoßen, und dann irgendetwas kaufen. Oder sie überreden Leute zu Käufen, die aus jedwelchen Gründen wankelmütig genug für ein Gespräch drauf sind. Oder sie schaffen ihre Quote nicht.

Super Job.

Mir ist klar, manchmal geht’s halt nicht anders, um seinen Kühlschrank zu füllen. Ich habe das selbst auch gemacht, vor x Jahren. Aber es hat weniger als 3 Wochen gedauert, bis ich merkte, was ich eigentlich mache. Ich hoffe, inständig, dass zumindest der Agent heute das auch merken wird. Und, ganz ernsthaft, dass diese ganze »kalte Acquise« untergeht. Hueresiech.

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Bilirubin: Advanced Commuting.

Should you ever have lived in a a suburb, chances are you also have commuted. This activity where loads of people called “commuters” or “fucking idiots,” depending on your point of view and the time of day, share vehicles of mass transportation to move from a point A to a point B on a regular basis has long been a point of discord among human beings.

For some, commuting is the bane of modern society, reason enough to finally move into the city or way out of town and buy a fancy new car; for others, it’s the only way to watch girls and get ignored, bump into girls and get ignored, feel girls up in the crowd and get an ellbow rammed into the solarplexus, and all the other things that are part of a healthy heterosexual upbringing.

Generally, only very few commuters really enjoy the daily routine of missing the bloody bus by thirty seconds or enduring the chatter of hyperactive house-wives. So, here are a couple of things that might come in handy next time you’re waiting for your connection, or you are in a particularly bad mood to begin with and don’t really feel like having half a dozen people intrude yoursquare-metre of condensed homicidal rage.

Commuting can be exceedingly boring. Unimaginative commuters will wear headphones or read the newspaper, but no later than when both batteries and reading material run out due to your coach being stuck in yet another traffic jam you will realise the importance of being capable of amusing yourself with no tools at hand. Now, before you ask: no, I don’t advocate masturbation in crowded places, but it can make a slow train-ride this much more interesting if you fantasise about having sex with everybody in your surroundings. Just be sure you don’t wear your wide pair of boxer shorts, there’s a good boy–otherwise, you might be forced to balance your back-bag on your lap, and we all know what people say about guys balancing back-bags on their laps.

Another option is to imagine interesting ways how to kill the passengers on your particular ride. You can make it more difficult if you restrict possible murder weapons to parts of the potential victims’ clothing or the contents of your briefcase. Be creative, try to find new uses for that orange and the thesis you were working on over the week-end, rather than being a spoil-sport and fetch an electric chainsaw in your gym bag, no matter how handy it might come in should that group of teenagers decide not to shut the fuck up in the next ten seconds.

If you insist on your musical breakfast, be it to finally wake up or to dim the incessent chatter of the hyperactive house-wives sitting opposite you, make sure not to waste a perfect opportunity for an ironic statement. One of my fondest commuting-related memories is of that day when I was standing in the bus, listening to the Matrix soundtrack, while pedestrians walked by waving at us because the bus hit a snow drift. Generally, the more dynamic, fast, and up-front the music, the more you will be able to laugh about missing the job review, and save your puny little sanity from being shredded to bits while freezing your weenis off waiting for the replacement bus. Clearly, proper music choice is important in such situations. Propellerheads and Fear Factory: good. Type-O-Negative and Switchblade Symphony: bad.

More socially minded commuters will try to incorporate one or more fellow passengers in their distractions. Turn commuting into an experience. The direct, unelegant approach would be to stare at one passenger and mumble under your breath while knotting your fingers Ninjutsu-style. This works especially well in the early mornings, as the rings under your eyes will make you look more sinister. Pick one passenger at a time, and give him or her the stare-treatment for a week–if you’re good, the person in question will have fallen ill by that time. If you are VERY good, your target will avoid that bus in the future entirely. Don’t look at it as simply being pointlessly mean–on top of acting a major league asshole, you are also doing the public a favour by re-distributing the flow of commuters on different shifts. You are a hero of urban society. You can be proud of your torture techniques, especially when dealing with accountants.

I hope that these few hints will help you to come up with own ideas should you be forced to commute in the future. There are many more things you can do to pass the time, such as softly singing along to something happy-sounding like “I Want to Fuck You in the Ass” or “Waving my Dick in the Wind,” explaining to the guy next to you the advantages of Satanism over Kali-worship, or simply head-banging to the rhythm of the bus hitting the speed-bumps (you will gain extra-effect if wearing a suit and tie while doing so). Try identifying people that sit five seats in front of you by smell, or eat a banana the “special” way.

You see, there is no reason to sit around as if you were a vegetable and let life pass by at 30mph. And always remember–if worse comes to worst, there’s always the Black&Decker in your gym bag.

Yes, another rehash. This article was originally published on 7-3-2001 (or 3-7-2001 if you’re from that place beyond the sea), but I figured, well. Enjoy.

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#modernistcuisine, die Dritte.

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Das Dessert zum 3. #modernistcuisine vom 12. Januar 2015 – und mein erstes Dessert jenseits der Selbstbedienungs-Kühltheke überhaupt – war Twittergerecht gestaltet: »Flamewar«, »Rumtrollen« und »Plonk«. Ich nenne es entsprechend:

Das Toggenburger Troll-Trio.

Alle Zutaten waren für zwei Personen gerechnet, mussten aber für fünf Gäste reichen. Weshalb die komische Rechnerei? Na, weil es sich um den letzten Gang eines Fünfgängers handelte …

Flamewar: Torta Frita.

Ein argentinisches Dessert, dessen Zutaten doch eher old-world daher kommen:

  • 250 g Mehl
  • 60g Schweineschmalz
  • 1 Ei
  • 50 ml lauwarmes Wasser
  • 1.5 TL Salz
  • Was zum drinne fritieren (z.B. noch mehr Schmalz)
  • Puderzucker zum Bestäuben

Schmalz schmelzen, dann Mehl, Ei, Salz und lauwarmes Wasser damit verrühren. Kneten, bis ein Teig draus wird, so ein bisserl Mürbeteig-mäßig. Dann 1+ Stunden in den Kühlschrank mit. Bei uns diente der Balkon als vergrößerter Kühler.

Teig im Anschluss auf 2 mm ausrollen. Kaffeetassen-große Kreise ausstechen, mit einem Messer oder Schnapsglas Löcher in die Mitte stanzen. Dann pro Seite so ~2 Minuten ins heiße Fritierzeugs mit, bis sie dunkelbraun werden. Mit Puderzucker bestäuben und heiß servieren.

Rumtrollen: Trollkrem.

Die traditionelle norwegische Trollkrem wird mit Preiselbeeren zubereitet, man kann aber auch andere (eher saure) Beeren nehmen – in unserem Fall eingefrorene Johannisbeeren aus unserem Garten.

  • 2 Eiweiß
  • 250 g Puderzucker
  • 250 g Beeren
  • Auf Wunsch: Minzeblätter

Eiweiß steif schlagen. Puderzucker rein, dabei weiter drauf eindreschen. Wenn’s fest wird, Beeren unterschlagen. Ab in den Kühlschrank. Vor dem Servieren nochmals gut umrühren; es soll eine klebrige, aber nicht zu zähflüssige Masse geben. Zur Deko und als geschmacklichen Kontrast mit Minzeblättern dekorieren (hatte ich in der Hitze des Gefechts verschwitzt).

Plonk: Geeister Absinth-Espresso.

Lustigerweise eine österreichische Erfindung. Tjaha. Oder eher »Thujon«. Obacht, je nach vorgängigem Alkoholkonsum kann das ziemlich reinhauen.

  • 2 dl Espresso (kalt)
  • 120 ml Absinth
  • 80 ml Caramel-Sirup

Gläser frosten. Eiswürfel in einen Cocktail-Mixer; Espresso, Absinth und Caramel druff, schütteln wie ein Blöder. Durch ein Sieb in die gefrosteten Gläser abgießen und sofort servieren. Im Anschluss ins Verdau-Koma fallen.

Tipp: Caramel-Sirup unbedingt vor der Zubereitung probieren; sollte er nicht süß genug sein, wird’s schnell bitter. In diesem Fall vor dem Schütteln noch Zucker nach Bedarf beigeben.

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