Von Modekrankheiten, AD(H)S und Schustern, die bei ihren Leisten bleiben sollten.

Die Volkswirtin und Bloggerin Monika Bütler schrieb eine geharnischte und absolut gerechtfertigte Replik auf Manfred Schneiders deplatzierte Betrachtungen zum Thema AD(H)S. Ich verfasste einen Kommentar, aber leider fiel er der Längenbegrenzung zum Opfer.

Ich veröffentliche den Kommentar entsprechend hier in voller Länge. Und im vollen Bewusstsein, dass ich mich als beinahe-Literaturwissenschaftler über die »Fachfremde« eines Literaturwissenschaftlers auslasse. Hach, Ironie. Dennoch, wenn er darf, dann darf ich auch. Tjaha. Welcome to the internets.


Danke für den Artikel. Ähnliche Reaktionen von, sagen wir mal, fachfremden Autoren finden sich die letzten Jahre auch gehäuft über das Autismus-Spektrum, den Kritiker-Boom hat die Depression vor gut zehn Jahren abbekommen und erlebt heute ein Revival beim Burnout (eigentlich Erschöpfungsdepression). Dissoziative Störungen sowie Schizophrenie und verwandte Erkrankungen sind wohl »noch« zu exotisch, um außerhalb von Kinofilmen und Fernsehserien von großem öffentlichen Interesse zu sein. Und kommen deshalb wohl weniger häufig unter die Räder als heute AD(H)S.

Allen diesen Erkrankungen und Störungen gemein ist, dass sie nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, wie zum Beispiel eine Querschnittslähmung oder das Down-Syndrom, aber dass es popkulturelle und populärwissenschaftliche Archetypen gibt. Die dissoziative Identitätsstörung hatte den Hype um den »Satanic Ritual Abuse« ab den 70ern, aber zuvor auch »Jekyll and Mr. Hyde«. Bei Schizophrenie denken viele automatisch an den paranoiden Einzelgänger, der à la Mel Gibson in »Conspiracy Theory« an eine Weltverschwörung glaubt, während populärwissenschaftlich das »zerstörte kreative Potential« höher gewichtet wird als Antipsychotika. Und so weiter.

Auch gemein haben diese Krankheiten, Behinderungen und Störungen, dass sie vergleichsweise neu sind. Oder besser, »neu« erscheinen, da sie erst in den letzten Jahrzehnten diagnostisch sauberer gefasst wurden. AD(H)S ist aller Wahrscheinlichkeit nach heute nicht häufiger verbreitet als vor dreißig oder hundert Jahren. Aber heute wird hingesehen. Dasselbe bei Entwicklungsstörungen im Autismus-Spektrum – Asperger/Autismus wird heute nicht »zu häufig« diagnostiziert, sondern man achtet erst überhaupt seit einigen Jahren auch bei Jugendlichen und Erwachsenen darauf. Und wie es sich für wissenschaftliche Disziplinen gehört werden auch in der Medizin die Diagnosemöglichkeiten verbessert und nach neuen und besseren Methodiken geforscht, während alte gegebenenfalls auf den Müll geworfen werden.

Wir »haben« nicht mehr AD(H)S-Betroffene, Autisten oder Borderliner etc. als in der Vergangenheit. Wir erkennen sie einfach früher und genauer, damit auch häufiger. Wenn Martin Schneider Publikationen in verschiedenen Sprachen vergleicht und dadurch eine gesellschaftlich-kulturelle Frage der Toleranz und Hysterie konstruiert umschifft er die eigentliche, interessantere gesellschaftliche Frage: Wenn es »Das Zappelphilipp-Syndrom […] nicht überall auf der Welt [gibt]«, heißt das nachweislich nicht, dass es dort nicht existiert. Könnte es aber heißen, dass andere Teile der Welt nicht genauer hinschauen?

Es ist zu einfach, zu sagen: AD(H)S gibt es überhaupt erst seit den 90ern als Diagnose, also war es zuvor kein Problem, die Gesellschaft hat es erst zum Problem gemacht, die Krankheit »erschaffen« (oder die großen bösen Pharma-Unternehmen haben sie erfunden, um Ritalin / SSRI / Antipsychotika verkaufen zu können). Wie Monika Bütler im verlinkten BATZ-Artikel sagt, für die Gesellschaft war es vielleicht wirklich kein Thema, die Kinder »waren« halt die geborenen Hilfsarbeiter oder Drogenabhängige. Analog: heute hat man erst die Zeit, depressiv zu sein. Schizos sind, nun ja, verrückt, und waren früher die Dorftrottel.

Gelitten haben die Leute trotzdem, und sie leiden noch heute.

Und wenn wir heute die Möglichkeiten haben, mehr Betroffene sauber zu diagnostizieren und vor allem zu helfen ist es zynisch, etwas von »früher war aber …« zu schreiben oder seine eigenen Erlebnisse über die Realität der Betroffenen zu stülpen. Das ist so ca. Niveau »ich hatte auch die Windpocken und Masern und lebe immer noch, Impfhysterie ist also unnötige Geldmacherei«. Schön, wenn man mehr Glück hatte. Schön, dass Herr Schneider nur ein bisserl »Zappelphilipp« war. Aber meine Güte, dann schließen Sie doch nicht von ihrer Lebensrealität auf die Anderer und bemühen unreflektiert Publikationslisten aus verschiedenen Ländern, Herr Schneider. Zeigen Sie sich lieber dankbar und interessiert. Von einem Literaturwissenschaftler kann man erwarten, dass er mehr will als seine eigene Meinung mit selektiver Wahrnehmung bestätigt zu sehen.

Volksabstimmung vom 30. November 2014: Bullshit-Bingo!

Man kann am Abstimmungssonntag auf Trinkspiele setzen. Aber das tut weder Leber noch Portemonnaie gut. Da ich ein gesundheitsbewusster Zeitgenosse bin (jaja) biete ich als Alternative wieder ein #abst14-Bullshit-Bingo an.

Spielregeln.

Jeder Mitspieler generiert sich eine Bingo-Karte gemäß der unten stehenden Anleitung.

  1. Die Mitspieler schalten die Abstimmungssendung des Schweizer Farbenfernsehens ein. Alternativ geht auch das Schweizer Nichtfarbenradio.
  2. Wann immer ein Gesprächsgast, Experte, eine Kommentatorin o.ä. eines der Wörter von sich gibt streicht man es auf der Karte durch.
  3. Hat man eine Reihe voll – horizontal, diagonal oder vertikal – schreit man je nach Promillespiegel und Persönlichkeitstyp BULLSHIT! (jaja) oder BINGO! in seine Social-Media-Timeline.
  4. Das Feld »Free« gilt als Joker.

Anleitung.

Wer kein Bingo-Script auf seinem Rechner rumliegen hat kann sich dieses Webdienstes bedienen: http://lurkertech.com/buzzword-bingo/

Schaltet bei »Buzzword Type« auf »Custom: enter your own below!« um und kopiert die folgende Schlagwortliste ins Textfeld:

Jahrhunderte
Spekulanten
Kolonialismus
Neofeudalismus
Die Grünen
Abwanderung
Die Reichen
Sackgasse
Zuwanderungsland
Die Bilateralen
(russische) Oligarchen
Claude Longchamp
China
Glättli
Kanada
Neuseeland
UNO-Menschenrecht
Neiddebatte
Kondome
Nationalbank
Steuerausfälle
Rassistisch
Die SVP
Mittelinks-Bundesrat

Meine eigene Karte sieht so aus:

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Viel Spaß, und auf ein interessantes #abst14!

Allgemeine Erwerbsversicherung: Ein Erster Kommentar.

Die SP lehnt die Initiative für ein Grundeinkommen mehrheitlich ab, zumindest die Politiker der Partei. Stattdessen kommen sie mit der allgemeinen Erwerbsversicherung (AEV). Tja.

So sehr sie eines der Probleme, das ein bedingungsloses Grundeinkommen lösen würde, angeht – das Hin- und Herschieben Betroffener zwischen den Ämtern und somit auch zwischen Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene –, so sehr übersieht der Vorschlag für eine AEV ein Grundproblem unserer modernen Dienstleistungsgesellschaft:

Es hat gar nicht genug (legale und sinnvolle) Erwerbsmöglichkeiten für alle Erwerbsfähigen oder eingeschränkt Erwerbsfähigen. Die SP scheint von den späten Jahren des 19. Jahrhunderts auszugehen, »wer Arbeit will findet Arbeit«, »wer leben will muss einer Erwerbsarbeit nachgehen« und so weiter. (Fast hätte ich »Arbeit macht frei« geschrieben. Tschuldigung.) Wer schon einmal als Mensch mit Behinderung versuchte, eine »normale« Anstellung zu finden, oder als 60jähriger; oder wer versucht hat, solchen Menschen in ein Angestelltenverhältnis zu helfen, weiß, dass es illusorisch ist, eine einfache Trennung zwischen »potentiell Erwerbstätigen« und »Erwerbsunwilligen« zu machen.

Die SP fördert mit ihrem Vorstoß aktiv das, was der Anthropologe David Graeber »Bullshit Jobs« nennt: Da der Lebensunterhalt an bezahlte Arbeit gekoppelt ist, die Automatisierung aber nötige menschliche Erwerbsarbeit seit Jahrzehnten reduziert, müssen »neue« Jobs geschaffen werden, die in einer Volkswirtschaft (und im persönlichen Leben) wenig bis keinen Sinn haben. Arbeit um der Arbeit Willen. Aus den Augen verliert man so aber neben der Arbeitsrealität von »eingeschränkt Erwerbsfähigen« auch die vielen tausenden von Menschen, die arbeiten, dafür aber kaum bis nicht bezahlt werden: Freiwilligenarbeit, Kindererziehung in der Familie, Pflege in der Familie oder im Freundeskreis, Kunst und Kultur, Partei- bzw. Vereinsarbeit etc..

Wie schon bei der Mindestlohninitiative verfehlte deshalb für mich die Schaffung einer AEV ein sinnvolles Ziel – Arbeit ident zu Erwerbsarbeit würde zementiert, damit auch ein Gefälle von »guter« Arbeit zu »schlechter« Arbeit, wobei der Markt »gut« und »schlecht« definiert und nicht der tatsächliche Nutzen für eine Gesellschaft. Stichwort Banker-Boni vs/ Monatslohn für 160h als Fachkraft Pflege und Betreuung.

Selbst die SP unterscheidet zwischen »Erwerbswilligen« und »Erwerbsunwilligen«, übersieht dabei aber die Möglichkeit, dass besagte »Erwerbsunwilligen« erstens nicht »unwillig« sein müssen, sondern vielleicht einfach seit Jahrzehnten keine Erwerbsarbeit gefunden haben und deshalb ausgebrannt sind. Oder dass sie durchaus wichtige Arbeiten erledigen, und sei es nur, bis zum Pensionsalter täglich die Enkel zu hüten, so dass die Kinder mehr Erwerbsarbeit nachgehen können.

Die SP ist irgendwie in der Industrialisierung stecken geblieben. Der Vorschlag für eine AEV illustriert das meiner Meinung nach deutlich. Dabei wären im 21. Jahrhundert frische und vor allem an der Lebensrealität orientierte Ideen und Ansätze gefragt. Schade. Ich werde die Sache weiterverfolgen, mein erster Eindruck ist jedoch: Gut gemeint, aber am Ziel vorbei.

Eidgenössische Volksabstimmung vom 30. November 2014: Gold-Initiative.

Am 30. November stimmt der Schweizer Souverän, also das Stimmvolk, wieder über verschiedene Vorlagen ab. Gelebte Demokratie, gut! Ich wundere mich allerdings über verschiedene Aspekte der eidgenössischen Vorlagen. Heute: Die Gold-Initiative.

Die Initiative »Volksvermögen schützen« oder »Goldreserven der Schweizerischen Nationalbank« – alternativ auch einfach »Gold-Initiative« genannt – möchte verschiedene Dinge erreichen. Einerseits stoßen sich die Initianten daran, dass nicht 100 % der Goldvorräte der Schweizerischen Nationalbank (SNB) in der Schweiz liegen, andererseits stört sie der aus ihrer Sicht zu niedrige Anteil an physisch-vorhandenem Gold in der Bilanz der SNB. In diesen Punkt möchten die Initianten einen Mindest-Goldanteil der Aktiven vorschreiben sowie Verkäufe aus diesem »Gold-Notvorrat« verbieten. Konkret verlangt der Initiativtext:

Art. 99a (neu) Goldreserven der Schweizerischen Nationalbank
1 Die Goldreserven der Schweizerischen Nationalbank sind unverkäuflich.
2 Die Goldreserven der Schweizerischen Nationalbank sind in der Schweiz zu lagern.
3 Die Schweizerische Nationalbank hat ihre Aktiven zu einem wesentlichen Teil in Gold zu halten. Der Goldanteil darf zwanzig Prozent nicht unterschreiten.

Die Initianten, beziehungsweise deren Zugpferd AUNS (Aktion für eine unabhängige Schweiz), verteilten dann entsprechend auch eine Abstimmungszeitung an die Haushalte der Schweiz. Hier fängt mein Problem an: Wer genau hat Interesse an dieser Gold-Initiative? Wer hat sie mit ordentlich Geldmitteln unterstützt?

Da wäre zuerst einmal, im Impressum besagter Abstimmungszeitung nachzulesen, Herr Ulrich Schlüer. Seine politische Karriere begann in den 60ern bei der nationalkonservativen »Republikanischen Bewegung«, Bekanntheit erlangte er als Sekretär von James Schwarzenbach, dem Vater der ersten »Überfremdungs-Initiative« von 1970.

Aber der, sagen wir, eher nationalistische Anteil der Gold-Initiative ist gering – alles Gold in der Schweiz lagern, statt wie heute 70 % in der Schweiz und 30 % in Kanada und Großbritannien. Ob eine solche Diversifikation der Lagerung Sinn hat oder nicht sei dahingestellt, denn ich bin in dieser Frage nicht unparteiisch, »lagere« ich mein bescheidenes Vermögen doch auch nicht nur auf einer Bank (oder in einem Land). So oder so, ein nationalistischer Hintergrund dürfte bei der Gold-Initiative nur am Rande mit reinspielen. Ich gehe nicht davon aus, dass die Initianten glauben, das Schweizer Gold im Ausland wäre gefährdet, weil das da draußen halt Ausländer sind.

Die stärkeren Interessen liegen wohl anderswo, wie am 7. November 2014 der Tages-Anzeiger sowie die Aargauer Zeitung andeuteten: Irgendwo her hatte das Initiativ-Komitee den sechsstelligen Betrag für die Abstimmungszeitung, SVP-Nationalrat Luzi Stamm bestätigte gegenüber der Presse gar ein Abstimmungsbudget von über einer Million Franken. Viel Schotter, drei mal mehr, als z.B. die Grüne Partei Schweiz gesamthaft für das Wahljahr 2015 budgetiert hat. Woher kommen diese Gelder?

Zumindest zum Teil von Goldhändlern. Unter anderem von Egon von Greyerz, Leiter der Edelmetallsparte »Gold Switzerland« der von ihm gegründeten Vermögensverwaltungsfirma Matterhorn Asset Management AG. Ob und, falls ja, wie viel Gold die Initianten Lukas Reimann und Ulrich Schlüer gebunkert halten kann ich nicht wissen, möchte ihnen entsprechend mit der Gold-Initiative auch keinen rein finanziellen Eigennutz unterstellen.

Weshalb sollten Goldhändler und -Investoren ein Interesse daran haben, dass die SNB ihren Goldbestand von derzeit 7.5 % auf mindestens 20 % aufstocken muss? Ein kleines Rechenbeispiel.

Die SNB hielt auf Ende 2013 Aktiven von rund 490 Milliarden Franken, davon rund 37 Milliarden in Gold. Wird die Gold-Initiative angenommen, muss die SNB innerhalb von fünf Jahren Gold für rund 60 Milliarden nachkaufen – oder ihre Bilanz schrumpfen lassen, in dem sie zum Beispiel Euro abstößt, bis der im Verfassungstext geforderte 20 % Goldanteil erreicht ist.

Variante 1 führt zum Steigen des globalen Goldpreises – aktuell entsprächen die 60 Milliarden Franken rund einem Viertel des weltweiten Jahresvolumens auf dem Goldmarkt. Durch diesen massiven Zukauf würde selbstverständlich der Goldpreis steigen. Das freut sowohl Gold-Anleger als auch -Händler.

Variante 2 umgeht dieses Anheben des Goldpreises, führt aber dazu, dass z.B. der Euro-Franken-Mindestwechselkurs kaum noch gehalten werden könnte. Wollte die SNB den Wechselkurs weiter stützen, oder andere währungspolitische Maßnahmen durchführen, müsste sie also über kurz oder lang wieder zu Variante 1 greifen: Gold zukaufen, egal, wie hoch oder niedrig der Goldkurs zu dem Zeitpunkt gerade ist.

So weit, so unangenehm. Denn in beiden Fällen wird die Bilanz der SNB aufgebläht – Ziffer 1 des neuen Verfassungsartikels verbietet den Verkauf von Gold. Die Initianten mögen hier an einen »Notvorrat« gedacht haben, der sich im Falle z.B. eines Weltkriegs oder Währungsreform per Notrecht veräußern lassen könnte, aber so lange dieser Fall nicht eintritt ist das Gold totes Kapital. Weder kann daraus Rendite an die Kantone ausgezahlt werden, noch kann die SNB damit ihren Aufgaben nachkommen. Es liegt rum, diktiert aber direkt die Menge der für währungspolitische Maßnahmen verfügbaren Mittel:

Sinkt der Goldpreis weiter, wie die letzten Jahre beobachtet, müsste die Nationalbank zukaufen, um ihr gewünschtes Aktiven-Volumen halten zu können. Oder sie müsste ihre Aktiven schrumpfen und würde damit »Manövriermasse« verlieren, währungspolitische Maßnahmen würden massiv erschwert. Würde der Goldpreis steigen könnte sie wie gewohnt agieren, aber mit dem Risiko, bei einem anschließend auch nur leicht sinkenden Goldpreis auf dieser noch größeren Bilanz sitzen zu bleiben – und noch mehr Gold nachkaufen zu müssen, die Bilanz also weiter aufzublähen.

Kurz: Die SNB würde nicht mehr nur die Geld- und Währungspolitik der Schweiz führen. Sondern zusätzlich den weltweiten Goldpreis im besten Fall etwas stabilisieren, im schlechtesten Fall künstlich in die Höhe schrauben.

Gewinnen tun in beiden Fällen weder die Schweiz noch die SNB. Aber »Gold Bugs« dürfen sich freuen: Sollten China oder andere Staaten mit großen Goldvorräten aus welchen Gründen auch immer den Markt mit ihrem Gold fluten, die Schweiz müsste wegen des fixen Mindestanteils nachkaufen. Und sollte der Goldpreis deutlich ansteigen kann die SNB nicht einen Teil des nun »überschüssigen« Goldes verkaufen und so (ungewollt) den Goldpreis wieder etwas drücken.

Win-win für Gold-Investoren und Händler. Einen Nutzen für die Schweiz sehe ich allerdings nicht: Das viel zitierte »Volksvermögen« liegt dann als totes Kapital herum, die Möglichkeiten der SNB werden eingeschränkt, und im absoluten Krisenfall wie einem weltweiten Zusammenbruch des Wirtschaftssystems haben wir als kleines Land mitten in Europa andere Probleme, als Abnehmer für unsere Goldreserven zu finden. Die noch dazu alle mitten in der Schweiz liegen sollen, was z.B. bei einem europaweiten Krieg eher … unpraktisch wäre.

Fast hätte ich »saudoof« geschrieben. Entschuldigung.

Autismus, Asperger, dumme Berichterstattung und: persönliche Transparenz.

Update August 2014: Falls sich wer sträubt, wegen etwaigen Wagner-Anfällen oder unflätiger Sprache Texte von angrysaschaisangry.com zu teilen, aber diesen Artikel eigentlich noch lesenswert für Familie und Freunde findet, nun ja, CARTA hat ihn auch gebracht.

Ich werde erstaunlich oft gefragt, ob ich mich so für den Themenbereich »Autismus« interessiere, weil ich selbst »an Asperger leiden würde«. Das ist nicht der Fall. Aber um für die Zukunft einen einfach-verlinkbare Antwort bereithalten zu können folgen meine Ausführungen zu diesem Thema.

Aktueller Anlass für diesen Beitrag ist die erschreckend dumme Berichterstattung von Focus Online über einen BND-Doppelagenten. Ich kann nicht anders als Fotobus zustimmen: Was soll das? Clickbait? Verkauft sich so etwas gut? Merken die verantwortlichen Personen nicht, was sie damit bei Betroffenen und für den öffentlichen Diskurs anrichten?

Wie würden Leser reagieren, gäbe es Schlagzeilen wie »Amokläuferin trank Import-Bier!« oder »Enthüllt: Betrüger mit blauen Augen zockte Rentner ab«? Genau, man würde sagen: Die Bierauswahl oder die Augenfarbe hat doch nix mit der Straftat zu tun. Und sollte entsprechend auch kein Aufhänger für eine Schlagzeile sein.

Asperger/Autismus hat nichts mit Gewaltbereitschaft oder krimineller Energie zu tun. Rein. Gar. Nichts. Das kann höchstens ein Nebenschauplatz sein. Korrelation, nicht Kausalität. Weshalb sich insbesondere die deutschsprachige Presse und ein wachsender Teil von Politikern so darauf einschießt ist mir unverständlich.

Eine Kausalität mit Wortformen wie »seine parlamentarische Arbeit ist autistisch« oder »Doppelagent leidet unter Asperger-Syndrom« zu forcieren ist einfach nur dumm. Aber ich wollte ja eigentlich über Transparenz schreiben. Beziehungsweise transparent sein.

Ja, weshalb gehst Du bei dem Thema jedes Mal ab wie ein Zäpfchen?

Das hat zwei Gründe.

  1. Ich habe mehrere Autisten im Freundeskreis.
  2. Ich lebe mit einer »Erkrankung im Formkreis der Schizophrenie«, wie es immer so hübsch heißt.

Enge Freunde, lieb gewonnene Menschen durch mediale Berichterstattung und politischen Jargon als verschlossen, abgehoben, in einer »eigenen Welt lebend«, gewalttätig, empathielos und so weiter charakterisiert zu sehen geht mir gegen den Strich. Es ist nicht nur unfair sondern einfach nur: falsch. Falsch im Sinne von »faktisch falsch« oder »Wort falsch verwendet«. Auf Englisch: es ist ein error. Es ist nicht nur wrong. Besagten Journalisten und Politikerinnen lege ich nahe, sich über Autismus zu informieren und sich einzulesen. Vielleicht hört der Kack dann endlich auf. Aber ich zweifle daran.

Womit wir bei Punkt zwei wären. Ich habe mich mittlerweile damit arrangiert, dass Menschen das Wort »schizo« im Sinne von »gespaltene Persönlichkeit« oder vereinfacht »widersprüchlich« einsetzen. Aber es ist dennoch falsch. Wieder: error, nicht wrong. Für uns Schizos ist der sprachpragmatische Zug abgefahren, mit allen negativen Konsequenzen: In der neurotypischen Bevölkerung werden wir als Freaks wahrgenommen, die sich mit multiplen Persönlichkeiten herumschlagen, deshalb unberechenbar und gefährlich seien und wie Pruitt Taylor Vince sabbernd und/oder mordend durchs Leben schreiten. Wenn wir das nicht tun, dann wären wir auch nicht betroffen.

Das erschwert sowohl die Akzeptanz als auch die Inklusion als auch im schlimmsten Fall (gesundheits-)politisch nötige Stütze. Wenn sich nach dem ganzen Schizo-Wahn in Medien und Sprachgebrauch die Meute nun auf Autisten stürzt geht bei mir die Alarmsirene los, und, nun ja, angry Sascha is angry.

Dazu kommt, dass viele Dinge, mit denen sich Asperger/Autisten herumschlagen, auch mich als Schizotyp betreffen. Reizüberflutung. Etwaige Absenzen oder mood swings als Reaktion darauf. Unsere hart erarbeiteten skills dagegen sind fast dieselben. Dass man es uns nicht ansieht ebenso. Dass Medien und der politisch-gesellschaftliche Diskurs darauf zurückgreifen: dito. Kein Wunder dass ich zum metaphorischen Zäpfchen werde: Ich kenne den Scheiß schon. Und ich will nicht, dass noch mehr Menschen den Scheiß auch abbekommen.

Bleibt die Sache mit dem Leiden. Wie in »BND-Doppelspion leidet unter Asperger-Syndrom«. Es tut mir schrecklich leid (ha!), das ist Niveau »ist an den Rollstuhl gefesselt«. Wirklich, wirklich dumm. Ich zumindest leide häufiger an auf falschen Fakten basierenden Interpretationen und fehlender Flexibilität als an meinem Zustand. Mit diesem lebe ich. Und das seit bald 40 Jahren nicht schlecht, danke der Nachfrage.

Falls sich also auch nach diesem Text jemand wundern sollte, weshalb ich mich fürs Thema interessiere bzw. Dummjournalisten und Blödpolitiker nur schon wegen ihrer Wortwahl angreife: Nun ja, deshalb. Nicht, weil ich selbst betroffen wäre. Sondern weil ich Betroffene kenne, bei anderen Themen gleiches erleben musste – und es einfach nur eines ist: Dumm.

Nachtrag: Lesenswertes von Mela Eckenfels zum Thema findet sich hier.