Buchpreisbindung in der Schweiz oder Korrelation ist nicht Kausalität.

Nachtrag vom 30. Januar 2012: Der Verleger Markus Schneider (Echtzeit-Verlag) äußert sich zur Buchpreisbindung. Damit wäre für mich zumindest die inhaltliche Ebene geklärt – danke schön! Die Kommunikationssache, die ich in diesem Artikel kritisiere, bleibt weiterhin problematisch.

Originaltext:

Da ich mich auf eine deutschsprachige Website beziehe verfasse ich diesen Artikel ausnahmsweise auch in Deutsch. Sorry ’bout that.

Ich antworte in diesem Beitrag auf die Aussagen von Ja zum Buch, also der offiziellen Argumentation der Buchpreisbindungs-Befürworter. Ich möchte voranstellen, dass es mir weniger um die Sache geht als, einmal mehr, um die Art und Weise der Kommunikation und dem Sich-Zurechtdrehen der Faktenlage aus Eigennutz oder, eventuell, Unverständnis.

Was das Gesetz selbst betrifft bin ich sehr an Erklärungen interessiert und freue mich auf Eure Kommentare. Ich kann nicht nachvollziehen, wie dieses Gesetz in der jetzigen Form seine Ziele erreichen soll; die Website Ja-zum-Buch hat mich in dieser Hinsicht nicht aufklären können.

Das hier ist also eine Gegendarstellung, nicht unbedingt gegen die Idee einer Buchpreisbindung in der Schweiz, sondern mehr gegen die Argumente, die von den Befürwortern vorgebracht werden. Und mit denen sie sich meiner Meinung nach mehr schaden als nützen.

Stärkt Buchhandlungen und Verlage.

Diese Unterseite zeigt keinen schlüssigen Beleg, weshalb eine Buchpreisbindung Buchhandlungen und Verlage „stärken“ könnte. Sie stützt sich auf Vergleiche. Das Hauptargument scheint das Buchladensterben zu sein:

In der Westschweiz ist die Zahl der Buchhandlungen und Verlage seit der Aufhebung der festen Ladenpreise im Jahr 1993 deutlich zurückgegangen. In Grossbritannien wurde der Buchmarkt 1995 komplett dereguliert. Die Konsequenz: Alleine seit 2005 wurden von seinerzeit 4000 Buchhandlungen 1800 geschlossen.

Aber es wird nicht belegt, dass diese Entwicklung mit der Aufhebung der damaligen Buchpreisbindung zusammenhängt – im Falle von Großbritannien werden Zahlen zehn Jahre nach der Deregulierung genannt.

Komplett ausgeklammert wird zum Beispiel das technologiebedingte Anwachsen des Online-Handels und damit der Möglichkeit, sich selbst zu informieren und die Bücher frei Haus liefern zu lassen. Oder die wachsende Verbreitung von GPS-Systemen, die dem Reiseführer- und Landkarten-Handel zusetzten. Oder die Verfügbarkeit von Online-Communities, die durchs Veröffentlichen eigener Rezepte traditionelle Kochbücher ins Abseits drängten. Oder dass Brockhaus den Druck ihrer Enzyklopädie einstellte, da es online sinnvoller (da aktueller) erschien. Oder wie Gewerbetreibende europaweit mit mehr und mehr Auflagen gegängelt werden, während gleichzeitig die Kaufkraft abnimmt.

Mit der Buchpreisbindung, respektive unterschiedlichen Endverkaufspreisen, hat das alles nichts zu tun. Dennoch stellt Ja-zum-Buch die weggefallene Buchpreisbindung als alleinige Erklärung fürs „Buchladensterben“ dar.

Dass in Großbritannien seit 2005 viele Buchhändler aufgeben mussten stimmt. Aber auch hier fehlt ein Beleg dafür, dass es direkt mit der Deregulierung des Buchmarktes zehn Jahre zuvor zusammenhängt – und nicht zum Beispiel mit radikalen Veränderungen der innenpolitischen Landschaft und der damit verbundenen Ansätze zur Besteuerung von Kleinunternehmen. Und, wieder: Der Einfluss des technologischen Wandels wird von den Befürwortern nicht in Betracht gezogen.

Korrelation ist nicht Kausalität.

Seit der Aufhebung der Buchpreisbindung im Jahr 2007 mussten in der Deutschschweiz bereits 13 Prozent der Buchhandlungen schliessen.

Korrekt. Aber – ist daran tatsächlich die Aufhebung der Buchpreisbindung schuld? Oder ist es (auch?) anderen Faktoren zuzuschreiben, siehe oben? Die Antwort bleibt ja-zum-buch.ch schuldig; alleine die fehlende Buchpreisbindung „ist schuld“.

Wieder: Korrelation ist nicht Kausalität.

Entscheidet sich die Schweiz gegen die Buchpreisbindung, heisst das, dass mittelfristig nur noch Filialisten und Discounter den Buchmarkt in der Schweiz prägen werden. Regionale Angebote und Spezialitäten werden auf ihrem Weg in das Buchhändlerregal auf der Strecke bleiben.

Dass Filialisten bereits seit vielen Jahren den Buchhandel prägen hat nichts mit Preisbindung ja/nein zu tun: Große Ketten und Discounter können billiger einkaufen und mehr Rabatte geben, während sie gleichzeitig als Teil eines Konzerns etwaige Ausfälle, hohe Mieten und Werbemaßnahmen besser verkraften können. Eine Beschränkung des Angebots ermöglicht Einsparungen in der Logistik, Filialführung (Regale und Organisation), Auswahl der Mitarbeiter und Umfang des Marketings. Der Discounter wird sein Angebot nicht erweitern, nur weil die Bücher schweizweit zum selben Preis verkauft werden müssen – die genannten Faktoren sind einflussreicher auf Umsatz und Gewinn und damit wichtiger für die Basis, auf der Discounter bauen.

Diese Möglichkeiten hat der inhabergeführte Laden nicht, und bekommt sie auch nicht durch eine Buchpreisbindung.

Auch bleibt die Website eine Erklärung schuldig, weshalb regionale Angebote davon profitieren, schweizweit zum gleichen Preis verkauft zu werden. Respektive weshalb das die letzten fünf Jahre ein riesiges Problem gewesen sein soll.

Sichert Vielfalt und fördert Schweizer Literatur.

Diese Unterseite spricht von „Buchvielfalt statt Einheitsbrei“, ohne eindeutig zu belegen, dass diese Vielfalt von schweizweit festgelegten Endverkaufspreisen beeinflusst wird.

Die Buchpreisbindung führt zum Wettbewerb über Inhalte, Kreativität, Innovation und Vielfalt. Damit bleibt garantiert, dass Schweizer Verlage auch in Zukunft Schweizer Autorinnen und Autoren entdecken, zukünftige Dürrenmatts und Bichsels ihren Platz in der Buchhandlung haben und das Schweizer Kulturschaffen stark bleibt.

Dieser Wettbewerb besteht bereits seit mehreren Jahrzehnten, wenn nicht gar seit dem Entstehen des Verlagswesens: Verlag kommt von „vor-legen“; jemand investiert in ein Manuskript in der Hoffnung, damit einen Gewinn zu erzielen.

Gewinn wird erwirtschaftet, wenn genug Menschen das Produkt – hier, das Buch – kaufen. Was auch heißt: Ein Verlag verlegt kein Buch, in dem er keine (oder eine zu geringe) Gewinnmöglichkeit sieht. Außer, es handelt sich um Liebhaberei, die durch andere Bücherverkäufe quersubventioniert werden kann. Hier sind dann jedoch für Verlag und Autor minimal schwankende Verkaufspreise weniger relevant als die Anzahl der vermittelten Bücher.

Für Autoren ändert eine Buchpreisbindung in dieser Hinsicht nichts: Entweder, das Manuskript überzeugt den Verleger (könnte also Gewinn erwirtschaften) oder nicht. Und falls nicht hatten Autoren noch nie so viele Möglichkeiten wie heute, ihre Inhalte trotzdem der Öffentlichkeit zu präsentieren oder zu verkaufen. Die Kalkulation von Verlagen spielt bei autorenvertriebenen eBooks oder Print-on-Demand-Büchern keine Rolle, die Diversität ist davon nicht berührt.

Dürrenmatt war übrigens bei Diogenes. Gesamtauflage über 200 Millionen Exemplare und gut 6000 Titel, einer der wichtigsten Verlage im deutschsprachigen Raum. Bichsel hingegen hat im Eigenverlag publiziert, bis er schließlich in der Weltwoche und dann Schweizer Illustrierten veröffentlichte. Beides (damals) große, finanzstarke „Player“ im Schweizer Markt. Als Beleg, dass die Buchpreisbindung Klein(st)verlagen und Sparten-Autoren hilft, sind beide denkbar ungeeignet.

Senkt Preisunterschiede zum Ausland.

Diese Unterseite will den Wählern erklären, dass ungebundene Preise zu höheren Verkaufspreisen führen. Respektive gebundene Preise zu billigeren Büchern. Sie bemüht dabei dieses Argument:

Zwischen 1983 und 2007 betrug die Teuerung in der Schweiz 55 Prozent. Beim Buch waren es nur 15 Prozent. Der Preis für ein Konzertticket oder eine Tasse Kaffee ist in dieser Zeitspanne rasanter gestiegen.

Das ist korrekt: Vor der Aufhebung der Preisbindung sind Bücher in der Schweiz weniger als die Teuerung, nun ja, teurer geworden. Das ist nicht verwunderlich, befanden sich die Bücherpreise bereits auf einem hohen Niveau, besonders verglichen mit den Preisen im Ausland.

Polemisch: 4 % von 40 Franken (vor der Aufhebung der Buchpreisbindung) sind prozentual gesehen weniger als 6 % von 25 Franken (nach der Aufhebung). In absoluten Zahlen ist die höhere Teuerung dennoch die für den Konsumenten günstigere.

Es fehlen Belege, die zeigen, dass die unterschiedlichen Preissteigerungen der Buchpreisbindung bzw. deren Fehlen geschuldet sind. Wieder: Korrelation ist nicht Kausalität. Die deutsche Preisentwicklung, die in diesem Zeitraum auf einem deutlich niedrigeren Niveau begonnen hat mit einer 100%-Skala gegenüberzustellen ist, nett ausgedrückt, speziell. Besonders, wenn man sowohl die politischen Veränderungen als auch die Marktbereinigung durch Großhändler wie Thalia ausblendet. Die übrigens in ihrer gegenwärtigen Form durch die deutsche Buchpreisbindung begünstigt wurde und wird.

Wenden wir uns den Verleger- und Autorenzitaten zu.

«Die kleine Landschule soll ein Schulbuch zum gleichen Preis kaufen können wie die grosse Agglo-Gemeinde.»

(Peter Uhr, Verlagsleiter, Schulbuchverlag plus, Bern.)

Das wird durch das vorgelegte Buchpreisbindungs-Gesetz nicht besser gewährleistet als ohne: Mengenrabatte sind sogar explizit als zulässig aufgeführt.

«Die Buchpreisbindung fördert die Vielfalt der Buchhandlungen. Gäbe es nur noch Discounter, könnte man keine Zürcher Bibel mehr kaufen.»

(Gallus Weidele, Geschäftsleiter voirol – Die Oekumenische Buchhandlung.)

Eigentümergeführte Buchhandlungen werden mit der Buchpreisbindung gegenüber Discountern schlechtergestellt: Letztere können mit dem Lieferanten größere Rabatte aushandeln (Zwischenverkaufspreise sind im Gesetz nur mit branchenfremden Unternehmen geregelt, nicht mit Buchhändlern) und dann im Preiskampf laut Artikel 6 „Allgemein zulässiger Rabatt“ übers ganze Sortiment 5 % billiger verkaufen. Was sie sich eher leisten können als der unabhängige Buchhändler.

Auch fehlt mir ein Grund, weshalb die Zürcher Bibel nicht mehr lieferbar sein soll, wenn sie z.B. von Ex Libris billiger angeboten werden könnte, Ex Libris dies aber nicht tut: Discounter führen solche Bücher nicht, weil es dem Geschäftsmodell „Einheitsbrei“ widerspricht. Eine Buchhandlung, die die Zürcher Bibel führt, steht also nicht in direkter Konkurrenz mit dem Discounter.

«Ich lebe in einer kleineren Stadt. Die Buchhandlung ist das kulturelle Zentrum, das auf die ganze Stadt ausstrahlt. Ohne Preisbindung würde sie dieses rasch verlieren.»

(Prof. Dr. Rainer J. Schweizer, Universität St.Gallen.)

Ist diese Ausstrahlung auch preisgebunden? Oder hängt es an den Händlern und Angestellten, dem Ladengeschäft, dem „Mehr“, das diese Buchhandlung bietet? Mit einer Buchpreisbindung könnte diese Buchhandlung dieses „Mehr“ nicht durch etwas höhere Preise gegenüber Discountern finanzieren und würde erst recht eingehen. Und wenn sie ohne Preisbindung diese Ausstrahlung schnell verliert – wie konnte die Buchhandlung die letzten fünf Jahre ohne Buchpreisbindung überleben, und die neun Jahre zuvor, als der Streit um die Buchpreisbindung zu vielen Ausnahmen in der individuellen Preisgestaltung führte?

28. Januar 2012, ergänzt 29. Januar 2012

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8 thoughts on “Buchpreisbindung in der Schweiz oder Korrelation ist nicht Kausalität.

  1. Ray

    Eher brilliant. Der einzige Einwurf, den ich dazu machen kann ist, dass sich Leute wie Du und ich uns übermässig über diese hanebüchene Vorlage aufregen. So ein Gesetz ist nämlich nicht über die ultimative Regel erhaben.

    Über die nämlich, die sagt, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann.

    Das Ganze ist irgendwie wie die “Kein Alk-Verkauf zwischen 22:00 und 06:00”-Diskussion. Kaufen die Kids halt ihr Zeug schon am Nachmittag. Die sind doch nicht blöd!

    Der Bücherkonsument in der Regel noch weniger.

    In diesem Sinne. Ich seh’ dem Resultat locker entgegen. Werden die Preise gebunden, bescheisse ich dann halt, wo ich nur kann. Wie sagt man da heutzutage? “Isi”. 😉

  2. Pingback: Zeitung: NSU-Terrorzelle hätte bereits 2007 entdeckt werden können

  3. Sascha Post author

    Ray, ich bin über diese Sache „angry“ aus mehreren Gründen:

    1) Ich selbst bin ein in Kleinstverlagen geführter Autor und mag es nicht, von einer Lobby als Opfer hingestellt zu werden, obwohl die Buchpreisbindung 0,00 (Null) Einfluss darauf hat, ob meine Sachen gedruckt werden oder nicht. Davon (exklusiv) leben können eh nur ein Dutzend deutschsprachige Autoren, i.e. die Autoren sind generell kaum betroffen, Genre-Autoren (“Diversität”!) in der Regel gar nicht.

    2) Meinen Kühlschrank fülle ich mit PR- und Text-Lektorat. Und mein Berufsstand hätte konstruktiver wirken können, müssen. Aber das ist dem Verband der Buchhändler und Verleger scheinbar egal, Hauptsache jammern und poltern. Hier mupft also die Berufsehre auf.

  4. Ray

    Sascha, ‘angry’ bin ich auch. Aber vielleicht auch alt.

    Was Du unter 1) schreibst ist sowas von essentiell, richtig und unbeachtet. Aber daran wirst Du nix ändern können. Freu’ Dich doch heute schon darüber, dass Du Recht gehabt haben wirst (YAY, was für ein Satz!), wenn die ganze Schose verpufft. Die Geschichte wird Dir zugestehen, dass Du richtig lagst, dass Deine Stimme hätte gehört werden sollen (Himmel, was ist mit mir los? I’m on fire!). Weder für Dich noch mich – den (noch) hoffnungsvollen Schreiberling – ändert die Buchpreisbindung irgendwas am Leben.

  5. Philippe Wampfler

    Ich halte diese Kritik für äußerst unpräzise und teilweise auch für unfair. Aus folgenden Gründen: 1) In der Politik gibt es fast nie Kausalitäten und fast immer Korrelationen. Das heißt, wir spekulieren letztlich über die Ursachen von Entwicklungen. Strukturwandel und Preiskampf beeinflussen den Buchmarkt. Wie stark und mit welchem Anteil weiß niemand genau. 2) Rabatte gibt es max. in der Höhe von 5%. 3) Relative und absolute Zahlen mischen ist kein statistisch zulässiges Mittel. 4) Im Gesetz steht, dass eine maximale Preisdifferenz zum Ausland (=Deutschland) festgelegt werden kann. 5) Dürrenmatt und Bichsel waren nicht immer große Autoren und nicht immer bei denselben Verlagen. 6) Als “selbstverlegter Autor” würdest du also deine Bücher also lieber ohne Preisbindung verkaufen wollen? Und wenn du einen etablierten Verlag hättest, wärst du bereit, dass du weniger an einem Buch verdienst, wenn es an einem Kiosk oder im Interdiscount verkauft wird?

  6. Sascha Post author

    Danke für den Kommentar, Philippe! Unpräzise trifft es wohl durchaus, was allerdings auch daran liegt, dass ich die Argumentation der Befürworter eben nicht nachvollziehen kann. Zu Deinen Punkten:

    1) Das stimmt. Aber mir stößt es etwas sauer auf, dass die Kampagne versucht, eine Kausalkette zu präsentieren, obwohl es eben nur Spekulationen sind. Und diese Spekulationen kann ich nicht nachvollziehen; die Begründungen auf Ja-zum-Buch empfinde ich als nicht schlüssig.

    2) Art.7 sieht im Endkundenhandel Rabatte bis 20 % vor (Kauf von mehr als 100 Exemplaren) bzw. beliebige Rabatte für den „geschlossenen Verkauf“ von zusammengehörenden Werken, z.B. als Sammelbox. Diese Rabatte können mit den 5 % von Art.6 kummuliert werden.

    Das Gesetz sieht aber eine Preisbindung auf Seiten des Importeurs oder Verlegers nur für branchenfremde Händler vor (Art.9). Das heißt auch, dass der Verleger/Importeur/Vertrieb mit „echten“ Buchhändlern beliebige Preise vereinbaren kann, zum Beispiel auch Mengenrabatte.

    Dieser Artikel 9 ist mit ein Grund, dass ich mich so am Gesetzestext stoße. Nirgends im Text wird das Verhältnis Vertrieb < -> Händler geregelt, außer dort – und dann geht es explizit um branchenfremde Händler. Ich wäre in diesem Punkt wirklich über weitere Erläuterungen froh.

    3) Das ist korrekt, über diesen Absatz in meinem Kommentar bin ich auch nicht sehr glücklich. Etwas wirr. Die Aussage ist, kurz gefasst: Wenn man bereits auf einem vergleichsweise hohen Niveau Preise steigert ist es nicht verwunderlich, dass die Kurve flacher ausfällt als von einem vergleichsweise tieferen Niveau aus.

    4) Kann, ja. Das Gesetz sagt, der Preisüberwacher kann beim Bundesrat beantragen, eine maximal zulässige Preisdifferenz festzulegen. Wie hoch diese maximale Differenz sein darf, wie sie berechnet werden soll und ob sie überhaupt je kommt bleibt jedoch offen.

    5) Auch das ist korrekt, aber sie sind meiner Meinung nach dennoch schlechte Beispiele: Dürrenmatts erste Veröffentlichungen waren im Bund und im Beobachter, schon die nächste bei Arche. Sein erstes Hörspiel wurde von Radio Bern produziert, die nächsten bereits vom Bayrischen und Norddeutschen Rundfunk.

    Mit Kleinverlagen oder Genre-Autoren, um die es im Sinne der Diversität gehen sollte, hat das wenig zu tun.

    6) Da war ich missverständlich, ich habe noch nie im Selbstverlag veröffentlicht. 😉 Ich verbessere meinen Kommentar auf Ray weiter oben. Aber die Frage ist interessant.

    Als Selbstverleger würde ich meine Preise ja selbst vorgeben. Selbstverlegte Bücher schaffen es (fast) nie in ordentliche Buchhandlungen, die Diskussion über die Buchpreisbindung fällt für Selbstverleger in der Regel weg.

    Als Autor eines etablierten Verlags würde ich sagen: Es betrifft mich wenig, da ich ein Honorar als Vertragsvorschuss bekommen habe, das mit den Tantiemen verrechnet wird. (Deutlich) mehr als das Honorar verdiene ich nur dann, wenn ich einen Bestseller lande und das Buch in x Auflagen und als Taschenbuch herauskommt. Das schaffen in der Schweiz (und generell im deutschsprachigen Raum) die allerwenigsten Autoren.

    Falls, wie bei vielen Kleinverlagen üblich, kein Vertragsvorschuss gezahlt werden kann und sehr kleine Auflagen gefahren werden hätte ich augenscheinlich ein Interesse an möglichst hohen Ladenverkaufspreisen – bis ich merke, dass ich davon so oder so bei weitem nicht leben kann. Selbst an einer 2000er-Auflage (für Schweizer Kleinverlage eine große Auflage) verdient ein gutbezahlter Autor lediglich zwischen 4000 und 6000 Franken. Ob jetzt das Buch mehrheitlich zum vorgeschlagenen Verkaufspreis von 30.– oder bei einem Filialisten für 25.– über den Tresen wandert macht für mich den Braten nicht fett, dann sind’s noch 3000-5000 Franken. Bei noch kleineren Auflagen von wenigen hundert Exemplaren (gibt es nicht gerade selten) wird es für mich als Autor noch irrelevanter, ob jetzt ein paar Franken mehr oder weniger bei mir im Kässeli landen. Auch, weil Autoren bei solchen Verlagen nur selten am höheren Ende der Skala Tantiemen erhalten (also nicht gutbezahlt sind).

    Wobei sich für mich so oder so die Frage stellte: Kann mein Verlag mit den Zwischenhändlern und Buchhändlern einen guten Preis aushandeln, oder ist er so klein dass ihn die „Gegenseite“ aufs absolute Minimum drücken kann? Laut Initiativ-Kommittee sollen die Bücher ja durch die Preisbindung mehrheitlich günstiger für den Leser werden …

  7. Sascha Post author

    Nachtrag zum Punkt 6) in meinem letzten Kommentar:

    Es bleiben bei diesen Betrachtungen noch zwei Punkte.

    a) Wenn Bücher zu unterschiedlichen Preisen gehandelt werden, dann werden auch unterschiedlich viele Exemplare (nach Preis) verkauft. Für den Autor jedoch, der mit Kleinauflage unterwegs ist – wir erinnern uns, es geht ja um den „nicht Mainstream“ – stehen die Chancen gut, dass Mehrverkäufe der billigeren Bücher den Verlust wegen tieferem Verkaufspreis wett machen. Er verdient mehr an einem zusätzlich verkauften Buch, das fünf Franken billiger ist, als an seinem Anteil an den 5 Franken. Preis ist offensichtlich ein wichtiger Punkt, ob ein Buch gekauft wird oder nicht, sonst sähe der Buchhandel auch keine Notwendigkeit für eine Buchpreisbindung.

    b) Bücher von Kleinverlagen landen so gut wie nie bei Discountern und nur selten bei Filialisten – also denjenigen, die den Preis deutlich unter den vorgeschlagenen Preis drücken könnten. Argumentiert man also mit „Diversität“ und sieht im „Discounter-Einheitsbrei“ eine Gefahr für Spartenautoren und -Verlage stellt sich die Frage, welche Autoren und Verlage in der Schweiz denn direkt von der Situation betroffen sind. Nur, weil ein Buch bei Ex Libris gleichviel kosten muss wie beim Buchhändler um die Ecke heißt das noch lange nicht, dass Genre-Literatur plötzlich bei Ex Libris geführt wird.

  8. Pingback: Korrelierst Du noch oder kausalisierst Du schon? : Denis Simonet

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