Qualitätsjournalismus mag wohl Amokläufe. Und Autismus.

Apologies to my “international” readers – yes, another blog posting in German. ’twas necessary, as the hoodrum is a thing mostly happening in the German speaking world, i.e. quite a tad of Europe, so, eh. Scroll on, or use a translation service if you’re interested in European media, autism, and spree killings. Err.

Es ist nur all zu menschlich, dass man schwer zu erfassende Ereignisse mit Hilfe von Halbwissen (fast hätte ich „… von Vorurteilen“ geschrieben) begreifen möchte. Dass sich angesichts eines Schulmassakers gleich die halbe deutsche Medienwelt auf „Autismus, oder eine andere Persönlichkeitsstörung“ gestürzt hat ist jedoch auf mehreren Ebenen unglücklich:

  • Nein, Autismus ist keine Persönlichkeitsstörung.
  • Nein, Autismus ist auch keine psychische Erkrankung.
  • Nein, Autisten „sind“ nicht gefühlskalt, noch „haben“ sie Probleme, Empathie zu Mitmenschen zu empfinden.
  • Und nein, 100 dokumentierte Savants sind auch nicht dasselbe wie „weltweit 100 hochintelligente Autisten“. Während Asperger-Autisten gleichzeitig „oft“ Lernschwächen „haben“.
  • Und ganz besonders nein, zum Zeitpunkt der dpa-Veröffentlichung und der nachfolgenden Verwurstelung durch Spiegel Online, Tagesanzeiger/Newsnet, Blick und BILD war keineswegs belegt, dass der Täter eine Entwicklungsstörung im Autismus-Spektrum hatte.
  • Und ganz besonders² nein, eine Korrelation ist auch keine Kausalität.

Aber für die schnelle Schlagzeile scheint für zu viele Verlage journalistische Sorgfalt wenig zu zählen. Dann kopiert man lieber eine unbelegte Aussage aus der Agenturmeldung, streicht die Konditionalform und lässt die Praktikantin zehn Minuten im Internet nach „Autismus/Asperger“ googlen. Daraus macht man dann einen mehrspaltigen Artikel, der von weiteren Qualitätsmedien dankbar als Quelle für weitere Artikel aufgegriffen wird. Man macht eine Liste von „gefühlskalten“ Serienmördern und Amokläufern, und damit es fundiert wirkt kopiert man noch Passagen aus dem ICD-10 in den Artikel.

Und wenn man BILD heisst, macht man dann noch so etwas.

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Sind das die unangenehmen Auswüchse des Newsticker-Journalismus? Oder der Versuch, mit griffigen, kompakten Schubladen die Welt erklären zu wollen? So ähnlich, wie es die „Sendung mit der Maus“ für Kinder macht?

Und wollen wir als Leser, Betroffene und Angehörige so abgespeist werden? Ist es sinnvoll, ein solches Unvermögen und Abschreibverhalten auch noch mit einem Leistungsschutzrecht zu zementieren? Welche Leistung? Minderheiten-Bashing und Volksverdummung, basierend auf einem Satz einer eingekauften Agenturmeldung sowie Abschreiben bei der Konkurrenz?

„War nicht so gemeint, Tschuldigung.“ Das hilft den Tausenden von Betroffenen und deren Angehörigen nicht weiter, wenn bloss die Schlagworte und das Misstrauen bei den Konsumenten hängenbleiben. Bezeichnend die Suchstatistiken bekannterer Autismus-Blogs, wie zum Beispiel hier bei autzeit gefunden:

  1. Autzeit
  2. Autist gefährlich
  3. Breivik Autist
  4. Schmetterling von oben
  5. Asperger Sadismus
  6. Asperger gefährlich
  7. Schmetterling schleppt ein Stein
  8. Asperger Amoklauf
  9. Sind Autisten gefährlich?
  10. Asperger Gefahr

Gratulation, Qualitätsmedien! Ihr rockt, hart!

 

 

Disclaimer: Ich bin nicht selbst betroffen, aber Angehöriger. Und ich habe die ganzen Artikel extra nicht verlinkt, noch mehr Klicks sollen diese Publikationen nicht erhalten. Wer nachlesen will kann sich bei den Aspergerfrauen der Linkliste bedienen. Auffällig ist so oder so: In den amerikanischen Medien, besonders in denen aus Connecticut, spielt das Asperger-Autismus-Gerücht kaum eine Rolle. Ein weiterer Spaltpilz in der Bevölkerung scheint dort unnötig zu sein, oder die Medien zeigen wenigstens ein modicum an Relevanzverständnis. Und gutem Geschmack.

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