Apple und die Reseller.

Wir schreiben das Jahr 2006. Das erste Macbook Pro, der erste Mac mit Intel-Prozessor überhaupt, wird vorgestellt. Nach einigen Monaten kann sich auch der Erni dazu überwinden, eines zu bestellen. Da es damals noch keine Apple-Stores in der Schweiz gab, er aber einen »physikalischen« Ansprechpartner wollte, wandte er sich ans Unternehmen Dataquest in Zürich. Immerhin ein »Premium Reseller« von Apple. Aber sie konnten nicht liefern, verwiesen darauf, dass sie von Apples Lieferungen abhängig seien. Aber es würde sicher nur wenige Tage dauern.

Nach über zwei Monaten bekam Sascha dann auch sein Macbook Pro. Zwei Wochen später wurde der Core-2-Duo-Nachfolger vorgestellt. The Erni was not amused. Aber egal.

2013.

Das Netbook der herzallerliebsten Zora macht nach einigen Jahren die Grätsche. Es steht ein Neukauf an. Sie tendiert zum Macbook Air, aber sie braucht es so schnell wie möglich – denn besagte herzallerliebste Zora steckt mitten im Lektorat für ihre Romanveröffentlichung. Wir klappern alle Ladengeschäfte in Frauenfeld ab, nirgends ist das gewünschte Modell erhältlich, obwohl es überall zum Verkauf angeboten wird. Also bezahlt Zora beim »Apple Partner« Manor. Genau DAS Gerät haben’s zwar auch nicht vorrätig, soll aber so in ein bis zwei Wochen da sein. Sie bekämen von Apple 3x die Woche eine Lieferung. Was genau wissen sie nicht, aber Apple würde die Verkäufe beachten.

Drei Wochen später platzt auch mir der Kragen. Ich wurde wohl von meinem Dataquest-Erlebnis getriggert. Also täglich nachgefragt, wo das Ding bleibe – denn im Online-Apple-Store war’s als »Versand in 24h« geführt, schon die ganze Zeit. Dann paranoid bei Apple angerufen: Gibt es das Modell überhaupt noch?

»Die Story des Manors ist unplausibel«, wurde mir versichert. »Wir haben die Geräte ja hier. Ich weiß auch nicht, wo Manor da ein Problem hat.«

Der Manor hat dann ein Gerät in einer anderen Filiale auftreiben können – ein anderer verärgerter Warter hat sich das Ding bei Apple direkt gekauft, so wurde das Gerät »frei«. Und ich hatte ein längeres Gespräch mit der Manor-Verantwortlichen. Sie betonte immer wieder, dass das das sei, »was sie mir sagen könne«.

  1. Manor ist »Reseller«. Wie es auch Dataquest damals war, und heute immer noch ist.
  2. Apple bedient immer die eigenen Shops, incl. Online-Shop, zuerst.
  3. Reseller bekommen ein Kontingent zugeordnet. Sie haben keinen Einblick in die Liefersituation bei Apple, noch können sie irgend etwas an der Liefersituation ändern oder Einzelgeräte oder gar Ersatzgeräte für defekte Lieferungen direkt anfordern. Verkäufe bzw. Bestellungen in den Shops werden allerdings sofort ans Kontingent angerechnet, egal, ob die Geräte am nächsten Tag oder erst nach ein paar Monaten an die zentralen Verteiler der Reseller geliefert werden, oder in der Zwischenzeit beim Reseller x Retouren reinkamen. Die Reseller haben keinen Einblick in die Liefersituation und müssen darauf warten, was Apple wohl wann liefert.
  4. Es ist egal, ob’s ein Shop-in-Shop Reseller ist (z.B. Media Markt), ein »Premium Reseller« wie Dataquest, oder Orange, oder Sunrise, oder Manor. Sie alle sitzen ganz hinten in der Futterkette. Und werden nicht über die Liefertermine spezifischer Modelle informiert. Sie bekommen aber viel Marketingmaterial, auf Wunsch wird das Verkaufspersonal auch von Apple geschult. Sie können dann die Aussteller vorführen und die Vorzüge loben, wann die Geräte auch tatsächlich geliefert werden? Darüber gibt es keine Auskunft.
  5. Worüber sie aber (manchmal) informiert werden sind neue Geräte. Das allerdings erst nach der weltweiten Vorstellung besagter Geräte. Ist’s noch nicht offiziell, dürfen’s auch nix zu sagen. Montag müssen sie den Kunden, die nach einem noch-nicht-offiziell-angekündigten Macbook fragen sagen: »Das ist ein Gerücht«. Mittwoch haben’s einige der neuen Geräte überraschend in der Lieferung, ohne Vorankündigung.
  6. Nachfragen seitens der Reseller-Filialen ist nicht möglich, es wird auf die Lieferung an die Zentrale der Reseller verwiesen. Besagte Zentrale hat aber auch keine Infos außer »ihr bekommt schon noch welche, ihr habt ja bereits Geräte verkauft.«
  7. Die Zeitspanne kann extrem sein. Manor erwähnte das iPad Mini: Ende Oktober 2012 vorgestellt, ab November auf Weisung von Apple bei Manor kaufbar bzw. bestellbar. Die erste Charge haben’s dann im Februar 2013 bekommen. Für diejenigen Kunden, die noch nicht mit Schaum vor dem Mund und mit Anwalt gedroht haben, weil es schon ein Vierteljahr sofort im Apple Store abholbereit rumlag.

Ich fragte dann: Weshalb zum Geier lasst ihr Euch so etwas gefallen? Knappe Antwort: »Es wird vom Kunden erwartet, dass wir Apple führen.« Und dort gilt Alles oder Nichts. Akzeptierst Du als Unternehmen diese Bedingungen nicht, kannst Du nicht mal einen popeligen iPod Shuffle verkaufen. Parallelimporte gehen in der Schweiz so oder so nur schwer.

Es sei auch gar kein sooo großes Problem, das Meiste bekämen sie innerhalb von drei Tagen. Außer bei Neuvorstellungen von »heißen« Geräten (z.B. iPad Mini oder das neue MacBook Pro 13″ Retina). Die Reseller bekommen solche Geräte in homöopathischen Dosen (plus Aussteller und Marketing-Material), ansonsten werden sie nach Kontingent, bestimmt durch Käufe / Bestellungen, beliefert. Wenn Apple gerade mal Bock drauf hat, die Zentralen zu beliefern.

Böse Zungen behaupten, so soll der Apple Store befeuert werden – und ja, nach diesen zwei Erlebnissen tendiere ich trotz Hintergrundwissen dazu, in Zukunft, falls überhaupt, direkt bei Apple zu bestellen. Anders als 2006 gibt’s ja heute Apple Stores in der Schweiz. Dass die Reseller so zu Werbeflächen degradiert werden ist aber mehr als daneben und schadet ihnen, meiner Meinung nach, langfristig mehr, als dass sie vom »dass wir Apple führen wird von uns erwartet« profitieren.

Beim iPhone sieht die Sache minimal anders aus, da in der Schweiz die meisten Mobiles eh zusammen mit einem Vertrag verkauft werden. Die Prioritätenliste von Apple funktioniert dort aber vergleichbar. Und da steht z.B. Orange weit hinter dem Platzhirsch Swisscom.

Edith sagt: Zwei weitere Reseller, die im Artikel nicht genannt werden, haben sich zum Artikel gemeldet. »Ja, genau so! Aber bitte die Zustimmung vertraulich behalten, ja?« Ja. Aber unterstreicht irgendwie das Stockholm-Syndrom mehr, als dass es mir lieb ist …

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6 thoughts on “Apple und die Reseller.

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