Frühling, Inklusion, Postauto Schweiz und Filter Bubbles.

Gestern noch beflucht, heute das Gegenteil erlebt. Dieses Prinzip kennt Ihr wahrscheinlich. Konkret: Der Umgang mit »Menschen mit Behinderung« in der Öffentlichkeit. Und was ist öffentlicher als der öffentliche Verkehr?

Ich bin auf den ÖV angewiesen. Ich habe nie den Führerschein gemacht, ich besitze nicht einmal ein Velo, aus Gründen. Aber wenigstens sitze ich nicht in einem Rollstuhl, der sporadische Krückstockeinsatz reicht. Mir. Anderen nicht. Und hier fängt’s an.

Rollstuhl am Bahnhof ist ein Thema. Voranmelden, x Pendler, die eine Schnute reißen, wenn das gelbe Ungetüm von Rolli-Lift herangekarrt wird. Bei Bus und Postauto gibt es keine solchen Lifte. Da sind die Chauffeurinnen (Chauffeusen?) und Chauffeure bei der Unterstützung gefragt. Und Passagiere in einem Automobil mit 20 Sitzplätzen werden damit etwas direkter konfrontiert als in einer 8er-Zugkomposition.

Im Idealfall läuft’s so wie heute. Ich stand rauchend an der Bushaltestelle, neben mir ein Mann Mitte 30 im Rollstuhl mit einem dieser schrägen Zieh-Geräte. Also, der saß natürlich, aber egal. Jedenfalls: Postauto fährt ran und da es eine Endhaltestelle bzw. Starthaltestelle war musste die Chauffeurin (oder Chauffeuse) zuerst einmal den Bus reinigen. Plötzlich stürmte sie nach vorn ins Führerhäuschen und senkte den Bus, hastete zurück und öffnete die Türe.

»Oh, ich hatte Sie noch nie auf diesem Bus. Möchten Sie mitfahren, oder warten Sie auf den Nächsten?«

Der Rollifahrer war leicht verdutzt, sich auf anschließende Nachfrage meinerseits anderes gewöhnt. Klappe, nun ja, ausgeklappt, reingerollt, »Wo müssen Sie denn aussteigen?« Er musste an meiner Station raus, also bot ich an, das Geklappe zu übernehmen. Die Busfahrerin konnte kaum ihren Ohren glauben. Ein Passagier will das machen? Echt jetzt?

Ich weiß von der »Filter Bubble«, von der Wahrnehmungsblase. Mir war immer klar, dass meine Wahrnehmung auch in Sachen »wie geht die Öffentlichkeit mit Behinderungen um?« von meinem persönlichen Umfeld beeinflusst, vielleicht sogar definiert wird. Nun ja, heute kamen weitere etwaige Wahrnehmungsblasen hinzu, und nicht zum ersten Mal die eines Direktbetroffenen.

Vielleicht lag es ja am drohenden Frühlingsanfang, vielleicht standen die Sterne richtig (im lovecraftschen Sinne), aber heute lief es einfach nur … normal. Weder Passagiere noch Angestellte waren irritiert oder gar wütend (das habe ich tatsächlich schon zu Genüge anders miterlebt), aber gleichzeitig war die Situation nicht bevormundend-überhöflich. Der Rollifahrer war einfach Kunde und Mit-Passagier. Keine Last und kein besonders schutzbedürftiges und bedauernswertes Mitglied unserer Gesellschaft.

Dickes Kränzchen an die Postauto-Chauffeurin (oder meinetwegen auch Chauffeuse) auf dem 829er nach Müllheim. Und das Kränzchen winde ich auch weiter an die heutigen Passagiere. Kein »Was will der IV-Schmarotzer hier?«, kein »der soll ein Taxi nehmen, genug Geld bekommt er ja«, kein »und wo stell ich jetzt meinen Einkaufswagen hin?« mit leiser Stimme.

Vielleicht ist weiterreichende Inklusion doch möglich. Zumindest bei Sonnenschein, oder an einem Wochenende.

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4 thoughts on “Frühling, Inklusion, Postauto Schweiz und Filter Bubbles.

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