Von Modekrankheiten, AD(H)S und Schustern, die bei ihren Leisten bleiben sollten.

Die Volkswirtin und Bloggerin Monika Bütler schrieb eine geharnischte und absolut gerechtfertigte Replik auf Manfred Schneiders deplatzierte Betrachtungen zum Thema AD(H)S. Ich verfasste einen Kommentar, aber leider fiel er der Längenbegrenzung zum Opfer.

Ich veröffentliche den Kommentar entsprechend hier in voller Länge. Und im vollen Bewusstsein, dass ich mich als beinahe-Literaturwissenschaftler über die »Fachfremde« eines Literaturwissenschaftlers auslasse. Hach, Ironie. Dennoch, wenn er darf, dann darf ich auch. Tjaha. Welcome to the internets.


Danke für den Artikel. Ähnliche Reaktionen von, sagen wir mal, fachfremden Autoren finden sich die letzten Jahre auch gehäuft über das Autismus-Spektrum, den Kritiker-Boom hat die Depression vor gut zehn Jahren abbekommen und erlebt heute ein Revival beim Burnout (eigentlich Erschöpfungsdepression). Dissoziative Störungen sowie Schizophrenie und verwandte Erkrankungen sind wohl »noch« zu exotisch, um außerhalb von Kinofilmen und Fernsehserien von großem öffentlichen Interesse zu sein. Und kommen deshalb wohl weniger häufig unter die Räder als heute AD(H)S.

Allen diesen Erkrankungen und Störungen gemein ist, dass sie nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, wie zum Beispiel eine Querschnittslähmung oder das Down-Syndrom, aber dass es popkulturelle und populärwissenschaftliche Archetypen gibt. Die dissoziative Identitätsstörung hatte den Hype um den »Satanic Ritual Abuse« ab den 70ern, aber zuvor auch »Jekyll and Mr. Hyde«. Bei Schizophrenie denken viele automatisch an den paranoiden Einzelgänger, der à la Mel Gibson in »Conspiracy Theory« an eine Weltverschwörung glaubt, während populärwissenschaftlich das »zerstörte kreative Potential« höher gewichtet wird als Antipsychotika. Und so weiter.

Auch gemein haben diese Krankheiten, Behinderungen und Störungen, dass sie vergleichsweise neu sind. Oder besser, »neu« erscheinen, da sie erst in den letzten Jahrzehnten diagnostisch sauberer gefasst wurden. AD(H)S ist aller Wahrscheinlichkeit nach heute nicht häufiger verbreitet als vor dreißig oder hundert Jahren. Aber heute wird hingesehen. Dasselbe bei Entwicklungsstörungen im Autismus-Spektrum – Asperger/Autismus wird heute nicht »zu häufig« diagnostiziert, sondern man achtet erst überhaupt seit einigen Jahren auch bei Jugendlichen und Erwachsenen darauf. Und wie es sich für wissenschaftliche Disziplinen gehört werden auch in der Medizin die Diagnosemöglichkeiten verbessert und nach neuen und besseren Methodiken geforscht, während alte gegebenenfalls auf den Müll geworfen werden.

Wir »haben« nicht mehr AD(H)S-Betroffene, Autisten oder Borderliner etc. als in der Vergangenheit. Wir erkennen sie einfach früher und genauer, damit auch häufiger. Wenn Martin Schneider Publikationen in verschiedenen Sprachen vergleicht und dadurch eine gesellschaftlich-kulturelle Frage der Toleranz und Hysterie konstruiert umschifft er die eigentliche, interessantere gesellschaftliche Frage: Wenn es »Das Zappelphilipp-Syndrom […] nicht überall auf der Welt [gibt]«, heißt das nachweislich nicht, dass es dort nicht existiert. Könnte es aber heißen, dass andere Teile der Welt nicht genauer hinschauen?

Es ist zu einfach, zu sagen: AD(H)S gibt es überhaupt erst seit den 90ern als Diagnose, also war es zuvor kein Problem, die Gesellschaft hat es erst zum Problem gemacht, die Krankheit »erschaffen« (oder die großen bösen Pharma-Unternehmen haben sie erfunden, um Ritalin / SSRI / Antipsychotika verkaufen zu können). Wie Monika Bütler im verlinkten BATZ-Artikel sagt, für die Gesellschaft war es vielleicht wirklich kein Thema, die Kinder »waren« halt die geborenen Hilfsarbeiter oder Drogenabhängige. Analog: heute hat man erst die Zeit, depressiv zu sein. Schizos sind, nun ja, verrückt, und waren früher die Dorftrottel.

Gelitten haben die Leute trotzdem, und sie leiden noch heute.

Und wenn wir heute die Möglichkeiten haben, mehr Betroffene sauber zu diagnostizieren und vor allem zu helfen ist es zynisch, etwas von »früher war aber …« zu schreiben oder seine eigenen Erlebnisse über die Realität der Betroffenen zu stülpen. Das ist so ca. Niveau »ich hatte auch die Windpocken und Masern und lebe immer noch, Impfhysterie ist also unnötige Geldmacherei«. Schön, wenn man mehr Glück hatte. Schön, dass Herr Schneider nur ein bisserl »Zappelphilipp« war. Aber meine Güte, dann schließen Sie doch nicht von ihrer Lebensrealität auf die Anderer und bemühen unreflektiert Publikationslisten aus verschiedenen Ländern, Herr Schneider. Zeigen Sie sich lieber dankbar und interessiert. Von einem Literaturwissenschaftler kann man erwarten, dass er mehr will als seine eigene Meinung mit selektiver Wahrnehmung bestätigt zu sehen.

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9 thoughts on “Von Modekrankheiten, AD(H)S und Schustern, die bei ihren Leisten bleiben sollten.

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