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Extrablatt – Masseneinwanderung stoppen! Mit grenzwertigen Inhalten!

Ja, ich habe das Extrablatt zur eidgenössischen Volksabstimmung vom 9. Feburar 2014 gelesen. Thema: Masseneinwanderung! Ich finde den Initiativtext aus verschiedenen Gründen recht doof, aber wollte mir die Argumente der Befürworter bzw. SVP doch zu Gemüte führen. Es taten sich Abgründe auf. Oh ja. Mein Gott.

Aber fangen wir mit Toni Brunners Kommentar auf Seiten 1-2 an:

Selbst die EU kennt in ihrem Verhältnis zur Nicht-EU und Nicht-EWR-Staaten keine schrankenlose Personenfreizügigkeit. Nur die kleine Schweiz wird als Ausnahme behandelt: Einwandern darf, wer will – es hat Platz für alle, könnte man meinen …

Nicht-EU und Nicht-EWR-Staaten ohne bilateralen Vertrag gelten für EU-Mitgliedsstaaten als Drittländer. Es gibt in der Schweiz keine generelle Personenfreizügigkeit, lediglich mit EU-Staaten (und das z.Z. teilweise noch kontingentiert). Außerdem darf auch daraus nicht »einwandern, wer will« – falls Brunner unter »einwandern« das »Niederlassen« meint ist in der Schweiz ein gültiger Arbeitsvertrag oder finanzielle Unabhängigkeit für eine Niederlassungsbewilligung nötig.

Es folgt auf Seite 2 auch Hannes Germann:

Um wieder Einfluss auf das Ausmass und die Qualität der Zuwanderung nehmen zu können, müssen wir die Handlungsfreiheit im Bereich der Zuwanderung zurückgewinnen. Heute kommt in die Schweiz, wer eine Arbeitsstelle hat, auch wenn es nur für einen Tag ist. Oder wer Asyl beantragt – und dann ein jahrelanges Verfahren verlangt.

Germann widerspricht hier auf derselben Seite Brunner – es gibt offenbar Bedingungen. Dennoch: Wer bekommt für einen Tag eine Arbeitsstelle in der Schweiz (Kündigungsfristen anyone?) und kann dann so z.B. eine Wohnung mieten? Geht es ihm hier also um Grenzgänger und Saisoniers? Etwas unklar. Tenor scheint zu sein: Ausländer. Egal wie und weshalb, egal ob zu- oder eingewandert.

Seite 3:

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Dazu sag ich jetzt mal nur so viel – »gebürtige Schweizer«, wie in der Grafik gesondert von »Eingebürgerten« ausgewiesen, wären in den von Thomas Minder auf derselben Seite aufgeführten Ländern »Australien, Kanada und Neuseeland« auch praktisch alle jene Kinder eingewanderter Eltern, die dort geboren wurden (jus soli): In Kanada am Tag der Geburt, in Australien dann, wenn ein Elternteil bereits Australier_in ist oder eine unbefristete Niederlassungsbewilligung hatte – sonst automatisch, ohne Einbürgerungstest zum 10. Lebensjahr Geburtstag. In Neuseeland wird man ebenfalls dann automatisch als Kiwi geboren, wenn ein Elternteil lediglich unbefristetes Niederlassungsrecht hatte, aber nicht eingebürgert war.

Als Schweizer Analogien:

  • Eine Asylbewerberin bringt ein Kind im Asylzentrum Rieden zur Welt, das Kind ist automatisch Schweizer (Kanada)
  • Ein französischer Austauschstudent schwängert eine deutsche Hotelfachangestellte mit befristeter Aufenthaltsbewilligung in Flims, das Kind kommt in Chur als Schweizer zur Welt (Kanada)
  • Ein Engländer und eine Italienerin, beide in derselben Firma in der Schweiz tätig und mit befristeten Aufenthaltsbewilligungen. Sie bringen ein Kind zur Welt. Die Aufenthaltsbewilligung der Eltern erlischt, das Kind darf aber noch sein Schuljahr abschließen und wird dabei 10 Jahre alt – und Schweizer. (Australien)
  • Eine Armenierin mit unbefristeter Aufenthaltsbewilligung bringt ein Kind zur Welt. Noch ein gebürtiger Schweizer! (Australien, Neuseeland)

Kurz: »Ausländer-Anteile« lassen sich nur schwer vergleichen, die »Eingebürgerten« in Grafik und Diskurs (im weiteren Verlauf des Extrablattes) gesondert aufzuführen ist sehr fragwürdig.

Thomas Minder ist klug, dass er auf die Grafik keinen Bezug nimmt. (Oder der Layouter war etwas fahrlässig, sie trotzdem zu seinem Interview zu setzen.) Aber auch er liefert ein schönes Nicht-Argument:

Mit der Personenfreizügigkeit und dem Beitritt zum Schengen-Abkommen ist die Schweiz zum Paradies für Kriminaltouristen geworden! Es ist eine Tatsache, dass 70 Prozent der gefassten Täter Ausländer sind. Die unkontrollierte Masseneinwanderung bietet auch solchen Leuten verlockende Möglichkeiten.

Kriminal-»Touristen« sind nur dummerweise weder zu- noch eingewandert. Sondern eingereist, als, eben: »Touristen«. Möchte Minder aus dem Schengen-Raum austreten und vollumfassende Grenzkontrollen incl. Visumspflicht fürs EU-Umland einführen? Nun ja, das ermöglicht der Initiativtext nicht. Minders Statement hat nichts mit der Abstimmung zu tun.

Auf Seite 4 meldet sich Thomas Matter zum Wort. Er findet die Kontingente für Nicht-EU/EFTA-Ausländer toll:

Dieses bewährte Kontroll- und Begrenzungssystem gilt noch heute für Nicht-EFTA- und Nicht-EU-Ausländer. Die Volksinitiative »gegen Masseneinwanderung« will, dass die Schweiz die Steuerung der Einwanderung wieder selber regelt durch jährlich festzulegende Höchstzahlen für neue Aufenthaltsbewilligungen.

Wie »gut« dieses »bewährte Kontroll- und Begrenzungssystem« seit einigen Jahren funktioniert sieht man an unzähligen Beispielen aus dem KMU-Umfeld. Wo man Sachen zu hören bekommt à la »sorry, das Kontingent für Ausländer aus Drittstaaten haben dieses Jahr schon UBS und Google ausgeschöpft«. Tja.

Auch auf Seite 4, Sylvia Flückiger:

Das Gewerbe wird mit der Personenfreizügigkeit ebenfalls stark konkurrenziert. Scheinselbstständige aus dem Ausland, die auf Schweizer Baustellen zu Dumpinglöhnen arbeiten, stellen für einheimische Betriebe eine immer grössere Bedrohung dar. Von 2005 bis 2011 hat sich die Zahl der Selbstständigen aus der EU, die in der Schweiz Dienstleistungen erbringen, vervierfacht!

Nur schade, dass daran die Initiative nichts ändert – sie betrifft nur Grenzgänger (also Angestellte) und hier wohnhafte angestellte Ausländer sowie Asylanten die nicht arbeiten dürfen – und schränkt die Vergabe von Aufträgen an ausländische Unternehmer nicht ein. Dazu hätte die Initiative explizit die Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens der Bilateralen I und damit der gesamten Bilateralen I fordern müssen – das Wort »Personenfreizügigkeit« kommt aber nirgends im Initiativtext vor. Nochmals Tja.

Etwas polemisch gesagt – entweder, Flückiger möchte auch Touristen und Geschäftsreisende in die Kontingente gerechnet haben, oder besagte Selbständige, ob echt oder Schein-, sind nicht von der Initiative betroffen. Kurz: Nicht-Argument.

Dass die »altbewährte Kontingentierung« erst auf den 1. Juni 2007 abgeschafft wurde und damit Flückigers Zahlenauswahl ab 2005 etwas … fragwürdig macht sei nur am Rande erwähnt. Weniger am Rande möchte ich erwähnen, dass ihre Partei sich gegen Mindestlohn und andere flankierende Maßnahmen stellt. Seit Jaaahren.

Dazu passt auch This Jenny auf Seite 5:

Auch die Auswirkungen auf die Löhne sind absehbar: Sie werden sinken. Erfahrungsgemäss gilt ja: Je mehr Kirschen es auf dem Markt gibt, desto billiger werden sie.

Dass nicht nur Jenny, sondern ein ganzen Haufen anderer Wortakrobaten im Extrablatt VWL mit BWL verwechseln lasse ich durchgehen. Wie aber eine Initiative, die explizit

Art. 121a (neu) Steuerung der Zuwanderung 3 Die jährlichen Höchstzahlen und Kontingente für erwerbstätige Ausländerinnen und Ausländer sind auf die gesamtwirtschaftlichen Interessen der Schweiz unter Berücksichtigung eines Vorranges für Schweizerinnen und Schweizer auszurichten; die Grenzgängerinnen und Grenzgänger sind einzubeziehen.

fordert, an der Verfügbarkeit der metaphorischen Kirschen etwas ändern soll, verschweigt er leider. Erwartet er, dass das »gesamtwirschaftliche Interesse der Schweiz« sich sagt: »Och, lasst uns das Angebot planwirtschaftlich reduzieren, dann steigt mit der Nachfrage der Preis, den wir als Arbeitgeber zahlen müssen?« Nein, es geht gar nicht um die Arbeitskräfte bei der Beschränkung, wie Heinz Brand dem Tagi erklärte:

Im Fall eines Ja zur SVP-Initiative stellt Brand aus Rücksicht auf die Wirtschaft «grosszügige Kontingente» für erwerbstätige Jahresaufenthalter (die erstmalige Bewilligung) in Aussicht. Die Initiative verlangt eine Kontingentierung im «gesamtwirtschaftlichen Interesse». Das Wachstum der ausländischen Bevölkerung will die SVP gemäss Brand «in erster Linie» mittels Einschränkungen beim Familiennachzug begrenzen.

Also – Arbeitskräfte wie gewohnt, damit aber auch derselbe Lohndruck wie gewohnt. Brands Aussage ist zwar eine Einzelmeldung, aber im Extrablatt widmet sich die halbe Seite 4 um »zehntausende von nicht Erwerbstätigen«. Oder in den Worten von Luzi Stamm:

Rund die Hälfte der Zuwanderer kommt, ohne hier zu arbeiten. Aber auch bei den Erwerbstätigen sind die »Hochqualifizierten« nur eine kleine Minderheit.

Wie denn nun: »Lohndruck ist Realität«, wie Seite 5 groß verkündet, incl. Jennys Kirschengleichnis – oder haben Stamm und Brand recht, und es werden nach Annahme der Initiative vorwiegend diejenigen abgewiesen, die gar nicht arbeiten (und wenn, dann nur in niederqualifizierten Positionen), und somit ändert sich auch nichts am Lohndruck, da der Rest immer noch auf den Arbeitsmarkt einwirkt?

Seite 6 und 7. Nun ja. Was soll man zu dieser Grafik groß sagen?

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80.000 Personen Netto-Zuwanderung pro Jahr in die Schweiz laut Extrablatt (Verena Herzog, Thomas Minder, Ulrich Giezendanner u.a.), davon laut Extrablatt rund die Hälfte nicht berufstätig und nur eine »kleine Minderheit hochqualifziert« (Luzi Stamm) – und die kaufen sich dann trotzdem irgendwie 42.000 zusätzliche Autos im Jahr, können sich die Miete (oder gar Kauf) für 34.500 neue Wohnungen im Jahr leisten? Aber dann brauchen’s doch nur 70 Schulhäuser und Kindergärten zusätzlich (ich dachte, der Familiennachzug sei so groß?) sowie 380 Spitalbetten?

Das ist … interessant. Leider finden sich im Extrablatt keine Quellen für die dargestellten Zahlen, ich gehe aber davon aus, dass diese belegt sind. Ob sie jedoch sinnvoll mit der Nettozuwanderung in Verbindung gebracht wurden ist offen. Kreativer Umgang mit Zahlenmaterial ist den Blattmachern ja nicht fremd.

Kommen wir zu Seite 8. Hier ist eigentlich nur bemerkenswert, wie es Ulrich Giezendanner fertig bringt, nicht nur das Wachstum seiner Wohngemeinde mit demjenigen der Schweiz zu vergleichen (weshalb hat er genau Rothrist und nicht zum Beispiel Ostermundigen oder Airolo genommen?), sondern die erste Spalte ganz der »Waldsterbelüge« und dem ÖV zu widmen. Aber nun ja, er ist nun mal in der (Schwer-)Verkehrsbranche tätig.

Dass er allerdings nicht erwähnt, dass ausgerechnet in Rothrist nicht der ÖV fürs lokale Bevölkerungswachstum sorgte, sondern die Autobahnanbindung in den 70ern (also vor der »Waldsterbelüge« der 80er und 90er) finde ich jetzt doch etwas speziell. Und das sage ich als Aargauer. Was will er uns also mit dem Vergleich Rothrist < -> Schweiz sagen? »Wir haben zu viele Autobahnen gebaut?« Kaum.

So oder so vermisse ich hier das Aufzeigen eines Zusammenhangs zwischen der Zuwanderung und dem Verkehrsaufkommen. Mag ja logisch klingen (»Mehr Leute = mehr Verkehr«), aber wenn wie anderswo im Extrablatt behauptet nur rund die Hälfte der Zuwanderer überhaupt arbeitstätig sind, weshalb sollten sie einen solchen riesigen Einfluss auf die Pendlerströme haben? Alleine im HB Zürich steigen täglich über 400.000 Menschen um. Laut Giezendanner sind aber 80 % der Pendler mit dem Auto unterwegs, das wären bei den kolportierten 40.000 zusätzlichen potentiellen Arbeitspendlern im Jahr also +32.000 Pendler pro Jahr, oder +8000 für den ÖV. Und die fahren nicht alle via Tsüri.

2011 waren 9 von 10 Erwerbstätigen in der Schweiz Pendlerinnen bzw. Pendler, das entspricht rund 3.7 Millionen Menschen. Pro Tag. Da tun auch nach einem Vierteljahrhundert die paar tausend zusätzlichen Pendler pro Jahr nicht weh – die paar tausend, falls das Extrablatt mit seinen Zuwanderungsprognosen recht behalten sollte. Volle 25 Jahre lang. Hui.

Also: Noch ein Nicht-Argument. Noch dazu nett mit einer »FABI NEIN«-Werbung auf der Seite verziert.

Zu Seite 9 sage ich nur: Dass ausgerechnet der ehemalige Präsident des Bauernverbands fordert: »Kulturlandverlust stoppen« … ist ein bisserl speziell. Wer verkauft denn sein Land? Wer weibelt in Gemeindeversammlungen dafür, dass Kulturland eingezont wird? Wer sitzt z.B. im Thurgau, Hansjörg Walters Heimatkanton, in Gemeinde- und Kantonsräten? Wer wehrte sich über Jahre (Jahrzehnte?) gegen eine bundesweite Raumplanung? Werden die Bauern mit vorgehaltener Waffe von Zuwanderern gezwungen, gefälligst ihr Land umzonen zu lassen, damit sie dort Betonwüsten hinstellen? Wie zahlen sie das, wenn laut Stamm »nur wenige hochqualifiziert« sind? Alles Drogendealer oder wie?

Womit wir auf Seite 11 wären: Sicherheitsgewinn!

Die Eröffnung macht ein Zitat des Politikers Antonio di Pietro, minimal aus dem Kontext gerissen. Vielleicht auch, weil entweder die Redaktion oder die wahrscheinliche Autorin Andrea Geissbühler etwas … locker druff sind? Keine Ahnung.

Jedenfalls, Extrablatt-Version:

Darum ersuchte ich den Bundesrat schon am 21. Dezember 2007 um Auskunft zur Entwicklung der Ausländerkriminalität. Konkret wollte ich wissen: »Ist ein Anstieg der Kriminalität in der Schweiz wahrscheinlich? Welche Massnahmen unternimmt der Bundesrat, um der Kriminalität entgegenzuwirken?« Die Antworten vom 13. Februar 2008 erscheinen im Rückblick unglaublich naiv: »Die Ausdehnung des Freizügigkeitsabkommens (FZA) auf Rumänien und Bulgarien (…) wird (…) zu mehr Sicherheit, Stabilität und Wohlstand im eruopäischen Raum führen. Der Bundesrat rechnet deshalb mit einem Sicherheitsgewinn für die Schweiz. Die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit erhöht nicht zwingend die Gefahr, dass vermehrt Straftaten in der Schweiz begangen werden.«

Die Interpellation dazu findet sich hier. Dummerweise kam die von Yvette Estermann und nicht Andrea Geissbühler. Sie hatte die Interpellation auch nicht unterzeichnet. Vielleicht ein Fehler des Layouters, die zwei gleichen sich auf den ersten Blick doch recht stark. Im Zweifel für die Angeklagte.

Hinter dem Link findet sich auch die vollständige Antwort des Bundesrates vom 13. Februar 2008. Ich nehme die knappen Auszüge der ausführlichen Antwort, die die Autorin – oder des Blattmacher – gemacht hat, und hebe die Auslassungen hervor:

Die schrittweise und kontrollierte Ausdehnung des FZA auf Rumänien und Bulgarien sowie die bereits erfolgte Ausdehnung der übrigen bilateralen Abkommen Schweiz-EU werden einen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufbau dieser Länder leisten, was längerfristig zu mehr Sicherheit, Stabilität und Wohlstand im gesamten europäischen Raum führen wird. Der Bundesrat rechnet deshalb im Ergebnis mit einem Sicherheitsgewinn für die Schweiz. In der Schweiz ist heute keine nationale Kriminalstatistik verfügbar, die Straftaten nach Staatsangehörigkeit ausweist. Die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien erhöht aber nicht zwingend die Gefahr, dass vermehrt Straftaten in der Schweiz begangen werden, da rumänische und bulgarische Bürger bereits seit Anfang 2004 berechtigt sind, visumfrei in die Schweiz einzureisen und sich ohne besondere ausländerrechtliche Kontrolle bis zu drei Monate in unserem Land aufzuhalten.

Okay, da bleibt mir jetzt doch ein bisserl die Spucke weg. Zuerst schreibt man eine Interpellation der falschen Nationalrätin zu. Weil sie Polizistin war ist und deshalb relevanter bei diesem Thema? Oder weil das Lektorat geschlampt hat? Dann greift man zwei Punkte der siebenpunktigen Antwort heraus, und schneidet’s so zusammen, dass die Kernaussage nicht nur unterschlagen sondern auf den Kopf gestellt wird.

Wow.

Hier habe ich aufgegeben. Sorry. Ich bin mir schlechten Journalismus gewöhnt, schlechte Kurzgeschichten, schlechte Glossen, wohl auch, weil ich alles drei zu oft selbst verbreche. Aber das aktuelle Extrablatt ist schlecht bis gar nicht recherchiert, verwischt Definitionen, stellt unbelegte Behauptungen auf, zitiert Volksvertreter falsch, widerspricht sich selbst, und, ganz ehrlich gesagt, erscheint mir verlogen.

Zum Initiativtext selbst kommt dann später noch mehr. Ich muss jetzt erst mal die Katze befriedigen.

Danke schön, liebe SVP! Sehr nützlich! (Teil 2)

Hwæt!, or why I haven’t taught Old English in a decade, in a nutshell.

Beowulf, 739:

Né þæt se áglaéca yldan þóhte
ac hé geféng hraðe forman síðe  
slaépendne rinc slát unwearnum
bát bánlocan blód édrum dranc
synsnaédum swealh sóna hæfde
unlyfigendes ealgefeormod
fét ond folma

“Not that the troll felt like delaying all the fun, no, he grabbed a sleeping warrior (who should have KEPT WATCH, THE IDIOT!) and rent him to pieces (SERVES YOU RIGHT, IDIOT!), bit into his bones and drank his sleeping-idiot blood from his veins (IDIOT!), swallowed his sleeping-idiot flesh in great chunks (GUESS YOU’D RATHER HAVE KEPT WATCH AFTER ALL, EH?), and soon after had all of him gobbled up, feet and hands included. Idiot.”

Eidgenössische Volksabstimmung vom 24. November 2013: Wenn es eigentlich um Lohndiskussionen geht, aber Unternehmen gemeint sind.

Am 24. November stimmt der Schweizer Souverän, also das Stimmvolk, wieder über x Dinge ab. Gelebte Demokratie, gut! Ich wundere mich allerdings über verschiedene Aspekte aller eidgenössischen Vorlagen. Heute: »1:12.«

Die Jungsozialisten (JUSO) wollen die klaffende Lohnschere bekämpfen und die Situation wie anno 1980 in der Verfassung festschreiben: Der höchste in einem Unternehmen bezahlte Monatslohn soll nicht höher sein als das, was die geringstbezahlte Mitarbeiter_in im Jahr verdient. Dazu bietet die Initiative folgenden Initiativtext:

I. Die Bundesverfassung (SR 101) wird wie folgt geändert:

Art. 110a (neu) Lohnpolitik

1 Der höchste von einem Unternehmen bezahlte Lohn darf nicht höher sein als das Zwölffache des tiefsten vom gleichen Unternehmen bezahlten Lohnes. Als Lohn gilt die Summe aller Zuwendungen (Geld und Wert der Sach- und Dienstleistungen), welche im Zusammenhang mit einer Erwerbstätigkeit entrichtet werden.

2 Der Bund erlässt die notwendigen Vorschriften. Er regelt insbesondere:

a. die Ausnahmen, namentlich betreffend den Lohn für Personen in Ausbildung, Praktikantinnen und Praktikanten sowie Menschen mit geschütztenArbeitsplätzen;

b. die Anwendung auf Leiharbeits- und Teilzeitarbeitsverhältnisse.

II. Die Übergangsbestimmungen der Bundesverfassung werden wie folgt ergänzt:

Art. 197 Ziff.8 (neu)
8. Übergangsbestimmung zu Art. 110a (Lohnpolitik)
Tritt die Bundesgesetzgebung nicht innerhalb von zwei Jahren nach Annahme von Artikel 110a durch Volk und Stände in Kraft, so erlässt der Bundesrat die nötigen Ausführungsbestimmungen bis zum Inkrafttreten der Bundesgesetzgebung.

Bezeichnend ist der Begriff »Unternehmen«. Denn der ist weder in Bundesverfassung noch Obligationenrecht genau definiert. Unter »Unternehmen« kann alles fallen, vom Freelancer über das KMU bis zu einer komplexen Holding-Struktur. Geschickt, denn so hat das Parlament den größten Spielraum bei der Umsetzung. Bestehende Rechtssprechung für etwaige Schein-Selbständige gilt auch so weiterhin: Mal kurz alle Manager oder Niedriglöhner in ein Tochterunternehmen auslagern oder als Selbständige auf Honorarbasis einzustellen geht nicht. Das ist selbst Gewerbeverbandspräsident Jean-François Rime klar, auch wenn das viele Gegner der Initiative nicht so sehen und immer noch mit »Auslagern!« argumentieren.

Die 1:12-Initiative lässt sich trotz knappem Textes nur sehr aufwenig umgehen. Wobei sich dann fragt, ob das a) die Direktbetroffenen oder b) die betroffenen Arbeitgeber goutieren würden. Mal ganz ehrlich, im Vergleich zu anderen interessanten Ländern sind die Einkommenssteuern in der Schweiz vergleichsweise kuschelig. Und nur darum geht’s bei 1:12.

Ergo, viel Spaß in den UK, zu denen auch die vielgescholtenen Kanalinseln gehören, mit Spitzensteuersätzen von bis zu 45% . Viel Spaß in den USA, wo jeder Bundesstaat was eigenes macht, aber auch das wiederum vielgescholtene Delaware 7% vom Total will. Ohne Abzüge. Viel Spaß in Singapur mit 20% Einkommenssteuer bei Einkommen über, umgerechnet, 100.000 Franken.

Plus Mehrwertsteuern, plus etwaigen Vermögenssteuern (auf den Kanalinseln bis 40%), plus manchmal Erbschaftssteuern, und so weiter.

»Die können sich dann doch drumrum drücken«, höre ich oft. Und in den ausländischen Steueroasen nicht? Ist die Schweiz da weniger heftiger drauf als Delaware und die Caymans, als Hong-Kong und Singapur? Echt? Dann müsste man vielleicht dort noch nachbessern.

Nochmals, bei 1:12 geht es nicht um Unternehmensgewinne oder gar Steuern. Sondern um Löhne und, sehr indirekt, die darauf fälligen Steuern.

Und Sozialhilfebeiträge. Die würden sinken, wenn die höchsten Löhne runtergingen. Möglich. Aber selbst die härtesten Gegner der 1:12-Initiative konnten bisher keine konkreten Zahlen nennen. Kein »so viele Milliarden werden fehlen« wie bei der Familieninitiative. Nur »Unternehmen könnten abwandern«. Obwohl es gar nicht direkt um Unternehmen geht, sondern um Angestelltenlöhne. Ja, der Unterschied zwischen einem CEO und einem Unternehmer ist das Angestelltenverhältnis. Der Unterschied zwischen einem Chefarzt und dem Kanton als Krankenhausbetreiber ebenfalls – gegenüber dem selbständigen Radiologen in der Stadt, der dem Krankenhaus Rechnungen schickt.

Also, entweder steigen nach Annahme der 1:12-Initiative die Löhne in Unternehmen »unten«, die Löhne in Unternehmen »oben« sinken, Leute (nicht Firmen) ziehen ins Ausland, oder es wird sehr viel mehr selbständig-Erwerbende geben. Die dann vor den Sozialversicherungen belegen dürfen, dass sie nicht nur für ein oder zwei Unternehmen arbeiten, sie zuvor nicht bei den Unternehmen angestellt waren, und sie nicht vorwiegend von den Einkünften aus diesen eher … exklusiven Verträgen leben. Und die SVA sind hier hart. Und die Steuerverwaltungen ziehen sofort nach. Kuscheljustiz? Vergiss es.

Ich werde dennoch wohl ein NEIN in die Urne legen. Weshalb? Weil ich die 1:12-Initiative für eine Insellösung halte; als Symbol vielleicht noch ganz geeignet, aber nicht in einer Form umsetzbar, dass es irgend einen Effekt – pro oder contra – für die Schweiz geben könnte. Ja, ich blicke auf Euch, Apokalypse-Beschwörer der Gegnerschaft. Bleibt bitte realistisch.

Das Hauptproblem: Diejenigen, die heute weit über 1:12 verdienen, sind, Globalisierung sei »dank«, extrem mobil. Herrgott, das ist heute fast jeder, der keinen Job hat, der an einen bestimmten Ort gebunden ist. Ich selbst habe ein paar Jahre in Deutschland gearbeitet, kein Problem. Wo und für wen ich arbeitete war in der Branche egal. Ich hatte ja keinen Coiffeur-Salon oder ein Klempner-Kleinunternehmen. Ich schreibe und fotografiere noch heute für Unternehmen im Ausland. Skype hilft.

Noch eindeutiger die Situation bei denjenigen, die Lohneinbussen wegen der 1:12-Initiative erwarten dürften. Prominentes Beispiel: Philipp Hildebrand, ehemaliger Kopf der Schweizerischen Nationalbank, war zuvor im Weltwirtschaftsforum Genf (Genf), anschließend dem Hedgefonds Moore Capital Management (New York) und dann bei der Privatbank Vontobel (Zürich) tätig. Seit dem Rausschmiss? Dozent an der Uni Oxford (Oxford, duh) sowie Vizepräsident beim Vermögensverwalter BlackRock (New York).

1:12 ist eine Insellösung. Sie zielt aufs Lohnverhältnis von Angestellten in der Schweiz und ignoriert, dass die »unten« nicht weg können, die »oben« jedoch sehr wohl international die freie Wahl haben. Im KMU-Bereich haben wir in der Schweiz noch immer ein selbst aus Initianten-Sicht gesundes Lohnverhältnis, wie z.B. der 1:12-Gegner und KMU-Chef Peter Stämpfli zeigt. Die Vasellas und Ospels und Hildebrands? Die sind mobil. Und auch wenn die Initiative von »Unternehmen« spricht und die gegenwärtige Rechtssprechung Schein-Selbständige tüchtig bestraft: Was interessiert das die so genannten »High Potentials«? Die ziehen weiter. Eine Anhebung der »unteren« Löhne ist unrealistisch; die Annäherung an 1:12 in den wenigen betroffenen Unternehmen der Schweiz geschähe einfach durch billigere Chefs. Die eingesparten Kosten? Dividenden für die Aktionäre. Die Karawane der »Abzocker« zieht weiter. Reicht das Vergrämen solcher Lohnempfänger für einen Verfassungsartikel?

Ich habe sehr viel Sympathie für die 1:12-Initiative. Aber sie bewirkt außer einem Signal rein gar nichts, kann sie gar nicht. Dieses Signal, »nicht mit uns!«, ist sympa. Aber die Schweiz liegt dennoch nur an 19. Stelle in Sachen Volkswirtschaft und mitten in Europa. Sie ist zu klein, als dass das – meiner Meinung nach – bitter-nötige Umdenken machbar wäre. Mit Annahme der 1:12-Initiative würde sie ihren Stand wider vieler Gegnerstimmen wohl nicht verschlechtern, aber eben auch nichts wirklich ausrichten. Entsprechend lege ich wohl ein NEIN in die Urne, sofern mich hier niemand vom Gegenteil überzeugt. Unsere Bundesverfassung braucht nicht noch mehr Paragraphen, die rein gar nix verändern.

Aber schön, dass die 1:12-Initiative die Diskussion zum Thema angefeuert hat. Selbst das neue Quiz zu »Die Schweizer« wertet das Über-die-Löhne-Reden als unschweizerisch. Habe ich nie verstanden. Deshalb – gut, dass Löhne, Honorare, Entschädigungen und so weiter endlich auch breiter thematisiert werden. Dafür ein dickes DANKE an die JUSO. Ganz ernst gemeint. Pfadfinderehrenwort.

Apple und die Reseller.

Wir schreiben das Jahr 2006. Das erste Macbook Pro, der erste Mac mit Intel-Prozessor überhaupt, wird vorgestellt. Nach einigen Monaten kann sich auch der Erni dazu überwinden, eines zu bestellen. Da es damals noch keine Apple-Stores in der Schweiz gab, er aber einen »physikalischen« Ansprechpartner wollte, wandte er sich ans Unternehmen Dataquest in Zürich. Immerhin ein »Premium Reseller« von Apple. Aber sie konnten nicht liefern, verwiesen darauf, dass sie von Apples Lieferungen abhängig seien. Aber es würde sicher nur wenige Tage dauern.

Nach über zwei Monaten bekam Sascha dann auch sein Macbook Pro. Zwei Wochen später wurde der Core-2-Duo-Nachfolger vorgestellt. The Erni was not amused. Aber egal.

2013.

Das Netbook der herzallerliebsten Zora macht nach einigen Jahren die Grätsche. Es steht ein Neukauf an. Sie tendiert zum Macbook Air, aber sie braucht es so schnell wie möglich – denn besagte herzallerliebste Zora steckt mitten im Lektorat für ihre Romanveröffentlichung. Wir klappern alle Ladengeschäfte in Frauenfeld ab, nirgends ist das gewünschte Modell erhältlich, obwohl es überall zum Verkauf angeboten wird. Also bezahlt Zora beim »Apple Partner« Manor. Genau DAS Gerät haben’s zwar auch nicht vorrätig, soll aber so in ein bis zwei Wochen da sein. Sie bekämen von Apple 3x die Woche eine Lieferung. Was genau wissen sie nicht, aber Apple würde die Verkäufe beachten.

Drei Wochen später platzt auch mir der Kragen. Ich wurde wohl von meinem Dataquest-Erlebnis getriggert. Also täglich nachgefragt, wo das Ding bleibe – denn im Online-Apple-Store war’s als »Versand in 24h« geführt, schon die ganze Zeit. Dann paranoid bei Apple angerufen: Gibt es das Modell überhaupt noch?

»Die Story des Manors ist unplausibel«, wurde mir versichert. »Wir haben die Geräte ja hier. Ich weiß auch nicht, wo Manor da ein Problem hat.«

Der Manor hat dann ein Gerät in einer anderen Filiale auftreiben können – ein anderer verärgerter Warter hat sich das Ding bei Apple direkt gekauft, so wurde das Gerät »frei«. Und ich hatte ein längeres Gespräch mit der Manor-Verantwortlichen. Sie betonte immer wieder, dass das das sei, »was sie mir sagen könne«.

  1. Manor ist »Reseller«. Wie es auch Dataquest damals war, und heute immer noch ist.
  2. Apple bedient immer die eigenen Shops, incl. Online-Shop, zuerst.
  3. Reseller bekommen ein Kontingent zugeordnet. Sie haben keinen Einblick in die Liefersituation bei Apple, noch können sie irgend etwas an der Liefersituation ändern oder Einzelgeräte oder gar Ersatzgeräte für defekte Lieferungen direkt anfordern. Verkäufe bzw. Bestellungen in den Shops werden allerdings sofort ans Kontingent angerechnet, egal, ob die Geräte am nächsten Tag oder erst nach ein paar Monaten an die zentralen Verteiler der Reseller geliefert werden, oder in der Zwischenzeit beim Reseller x Retouren reinkamen. Die Reseller haben keinen Einblick in die Liefersituation und müssen darauf warten, was Apple wohl wann liefert.
  4. Es ist egal, ob’s ein Shop-in-Shop Reseller ist (z.B. Media Markt), ein »Premium Reseller« wie Dataquest, oder Orange, oder Sunrise, oder Manor. Sie alle sitzen ganz hinten in der Futterkette. Und werden nicht über die Liefertermine spezifischer Modelle informiert. Sie bekommen aber viel Marketingmaterial, auf Wunsch wird das Verkaufspersonal auch von Apple geschult. Sie können dann die Aussteller vorführen und die Vorzüge loben, wann die Geräte auch tatsächlich geliefert werden? Darüber gibt es keine Auskunft.
  5. Worüber sie aber (manchmal) informiert werden sind neue Geräte. Das allerdings erst nach der weltweiten Vorstellung besagter Geräte. Ist’s noch nicht offiziell, dürfen’s auch nix zu sagen. Montag müssen sie den Kunden, die nach einem noch-nicht-offiziell-angekündigten Macbook fragen sagen: »Das ist ein Gerücht«. Mittwoch haben’s einige der neuen Geräte überraschend in der Lieferung, ohne Vorankündigung.
  6. Nachfragen seitens der Reseller-Filialen ist nicht möglich, es wird auf die Lieferung an die Zentrale der Reseller verwiesen. Besagte Zentrale hat aber auch keine Infos außer »ihr bekommt schon noch welche, ihr habt ja bereits Geräte verkauft.«
  7. Die Zeitspanne kann extrem sein. Manor erwähnte das iPad Mini: Ende Oktober 2012 vorgestellt, ab November auf Weisung von Apple bei Manor kaufbar bzw. bestellbar. Die erste Charge haben’s dann im Februar 2013 bekommen. Für diejenigen Kunden, die noch nicht mit Schaum vor dem Mund und mit Anwalt gedroht haben, weil es schon ein Vierteljahr sofort im Apple Store abholbereit rumlag.

Ich fragte dann: Weshalb zum Geier lasst ihr Euch so etwas gefallen? Knappe Antwort: »Es wird vom Kunden erwartet, dass wir Apple führen.« Und dort gilt Alles oder Nichts. Akzeptierst Du als Unternehmen diese Bedingungen nicht, kannst Du nicht mal einen popeligen iPod Shuffle verkaufen. Parallelimporte gehen in der Schweiz so oder so nur schwer.

Es sei auch gar kein sooo großes Problem, das Meiste bekämen sie innerhalb von drei Tagen. Außer bei Neuvorstellungen von »heißen« Geräten (z.B. iPad Mini oder das neue MacBook Pro 13″ Retina). Die Reseller bekommen solche Geräte in homöopathischen Dosen (plus Aussteller und Marketing-Material), ansonsten werden sie nach Kontingent, bestimmt durch Käufe / Bestellungen, beliefert. Wenn Apple gerade mal Bock drauf hat, die Zentralen zu beliefern.

Böse Zungen behaupten, so soll der Apple Store befeuert werden – und ja, nach diesen zwei Erlebnissen tendiere ich trotz Hintergrundwissen dazu, in Zukunft, falls überhaupt, direkt bei Apple zu bestellen. Anders als 2006 gibt’s ja heute Apple Stores in der Schweiz. Dass die Reseller so zu Werbeflächen degradiert werden ist aber mehr als daneben und schadet ihnen, meiner Meinung nach, langfristig mehr, als dass sie vom »dass wir Apple führen wird von uns erwartet« profitieren.

Beim iPhone sieht die Sache minimal anders aus, da in der Schweiz die meisten Mobiles eh zusammen mit einem Vertrag verkauft werden. Die Prioritätenliste von Apple funktioniert dort aber vergleichbar. Und da steht z.B. Orange weit hinter dem Platzhirsch Swisscom.

Edith sagt: Zwei weitere Reseller, die im Artikel nicht genannt werden, haben sich zum Artikel gemeldet. »Ja, genau so! Aber bitte die Zustimmung vertraulich behalten, ja?« Ja. Aber unterstreicht irgendwie das Stockholm-Syndrom mehr, als dass es mir lieb ist …

Die traurige Geschichte von Hans-Peter – Eine Parabel.

Regen peitscht gegen die Fensterscheiben an der Sonnenseite des Ganges. Sonnenseite, denkt Hans-Peter, was für ein schönes Wort. Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens, an der Treppe zum Glück. Ha. Ha. Ha. Hans-Peter zieht etwas Asche hoch, und blickt traurig zu Nathalie. Die Tusse ignoriert ihn jetzt schon seit zwei Wochen, selbstversunken im Rauch verkohlender Zigarettenfilter schwelgend und leise vor sich hin summend. Hans-Peter seufzt tief und zerdrückt eine Träne. Der Regen peitscht weiter mit einer Unablässlichkeit, als hegte er einen persönlichen Groll gegen alle Fensterscheiben dieser Welt.

Hans-Peters Auftritt im Gang des fünften Stockwerkes hatte so vielversprechend begonnen. Ein Software-Hersteller und ein Mediamatik-Unternehmen, beide mit strengem Rauchverbot in den Räumlichkeiten. Vielleicht auch ein, zwei Kettenraucher, nervöse Besucher, sogar Lehrlinge – die Möglichkeiten schienen grenzenlos. Aber das Leben kann grausam sein, besonders dann, wenn man wie Hans-Peter ein Aschenbecher ist.

Aschenbecher-Abfalleimer, korrigiert sich Hans-Peter. Nicht einfach nur ein Aschenbecher wie Nathalie und der stoische Björn am anderen Ende des Ganges, sondern was … Besonderes. Oben ascht man rein, unten entsorgt man die leeren Zigaretten-Verpackungen. Und anders als Nathalie und der stoische Björn am anderen Ende des Ganges, die beide mit hässlichen Schrauben an die Wand gebunden sind, kann Hans-Peter auf eigenen Füssen stehen.

Als er vor drei Monaten seinen Platz vor der Türe des Mediamatik-Unternehmens einnehmen durfte, war er wirklich etwas Besonderes. Die Programmierer von nebenan frohlockten ob seines grossen Fassungsvermögens und bewunderten die elegant-schwarze Lackierung mit dem kecken Marlboro-Schriftzug. Fast schon andächtig wurden die ersten Zigarettenstummel durch den verchromten Grill im weissen Sand erstickt. Keine brennenden Filter für Hans-Peter! Während Nathalie und der stoische Björn am anderen Ende des Ganges des öfteren mit Wasser gelöscht werden mussten, damit der Gestank von schlecht ausgemachten Zigaretten nicht zu sehr störte, lauschte Hans-Peter den Lobpreisungen seiner Besucher und lachte mit ihnen mit, wenn mal wieder über den Ursprung des weissen Sandes diskutiert wurde. Côte d’Azur? Sand vom Mond? Platinstaub? Wie hat Hans-Peter sich über die Aufmerksamkeit und die Spässe seiner Besucher gefreut. Dabei wäre er eigentlich nur für die Kunden des Mediamatik-Unternehmens gedacht gewesen. Aber es machte ihm nichts aus, dass auch Angestellte seine Dienste in Anspruch nahmen. Freudig schluckte er die Zelophan-Verpackungen und liess sich eine Zigarette nach der anderen in seinen chrombewehrten Kopf schieben. Gauloises, Lucky Strike, Parisienne, Camel: Er mochte sie alle.

Die Lichter werden für die Nacht gelöscht. “Das ist meine gerechte Strafe,” denkt Hans-Peter. “Aber ich war auch wirklich ein elitäres Arschloch. Schon am allerersten Tag im fünften Stockwerk habe ich Nathalie gestichelt. Der stoische Björn am anderen Ende des Ganges war zu weit weg, um meine abschätzigen Bemerkungen zu hören, also hat Nathalie alles abbekommen. Proletarisches Wandgezücht, schau mich an und sieh, was Du nie sein wirst! Bete mich an, denn ich bin der Aschenbecher-Abfalleimer auf diesem Stockwerk! Der einzige im ganzen Gebäude! Ich habe sie sogar eine hässliche, alte Wasserschluckerin genannt. Das hätte ich nie tun sollen.”

Der Abstieg hat schleichend begonnen. Als erstes wurde Hans-Peter unter Nathalie gestellt, damit die Programmierer und Mediamatiker es sich beim Rauchen auf der Treppe gemütlich machen konnten. Er, so nahe bei dieser Schnepfe? Das kann nicht sein! Was hat Nathalie gelacht, jedes hämische Kichern ein weiterer Dorn in Hans-Peters Seite. Er revanchierte sich damit, Nathalie vorzuhalten, dass er viel beliebter als sie sei. Und er sollte Recht behalten: tagtäglich bevölkerten neue Zigarettenstummel sein Bett aus weissem Sand, welches in regelmässigen Abständen ausgetauscht wurde.

Aber nach ein paar Wochen musste Hans-Peter mit Schrecken feststellen, dass die Besucher weniger wurden. Sollten sich etwa Nichtraucher in den beiden Firmen eingefunden haben? Stecken diese Leute auch hinter dem Fehlen des weissen Sandes? Vor einigen Tagen wurde Hans-Peter wie üblich geleert, aber kein Sand nachgefüllt. Oder haben sich gar Nathalie und der stoische Björn am anderen Ende des Ganges gegen ihn verschworen, um ihm die Raucher abzuluchsen? Nein – auch die beiden Wasserschlucker wurden weniger frequentiert als noch die Woche davor. Die Zahl der Besucher mag gesunken sein, dafür verblieben die treuen Raucher länger, um aufgeregt über Dinge zu diskutieren, die Hans-Peter nicht richtig verstand. Aber das kümmerte ihn nicht: ob mit weissem Sand oder ohne, er war noch immer der beliebteste Ascher auf diesem Stockwerk.

Eines Tages begannen die Mediamatiker, Mobiliar an ihm vorbei zu schleppen. “Komisch,” sagte sich Hans-Peter, “wo bringen die denn meine Arbeitskollegen hin? Der Tisch da wurde zusammen mit mir gekauft, jetzt ist er im Lastenaufzug! Da nützt er doch niemandem was!” Nathalie kicherte nur und machte Hans-Peter gegenüber Andeutungen, die er auch nicht richtig verstehen konnte. Einige Tage darauf war Nathalie plötzlich furchtbar wütend. “Hans-Peter, weshalb bist Du noch hier? Weshalb haben die Mediamatiker dich nicht auch abtransportiert?” Nathalie schäumte, und Hans-Peter sonnte sich in ihrem Zorn. “Ich bin halt etwas Besonderes. Auf mich will man nicht verzichten!” Nathalie wurde ganz still, und schien es sich auf ihren Schrauben gemütlich zu machen. Sie paffte ein wenig Rauch aus ihrem Metall-Körper, offensichtlich wollte heute niemand Feuerwehr spielen. “Wie alt bist Du?” fragte sie Hans-Peter. “Ich bin schon 2 Jahre alt!” verkündete dieser stolz. Nathalie musterte Hans-Peter, und ihre Stimme verhärtete sich. “Hans-Peter, Du wurdest verlassen. Die Mediamatiker haben dich verstossen. Niemand mag dich.” “Nein!” schrie Hans-Peter erbost, “Du alte Institutions-Schlampe bist nur neidisch darauf, dass die langhaarigen Grunzer von nebenan ihre Zigaretten nur in MIR ausdrücken! Und jetzt willst Du mich mit deinen Lügengeschichten täuschen! Ich mag noch jung sein, aber dich durchschaue ich!”

Seither hat Nathalie kein Wort mehr mit Hans-Peter gewechselt, was Hans-Peter auch recht war. Er hatte seine treuen Besucher, die sich aufopfernd um ihn kümmerten. Sie leerten selbst den Aschenbehälter, und so konnte er es ihnen verzeihen, dass sie seinen Bauch bis zum Bersten mit Red Bull-Dosen füllten. Komisch. Früher fühlte er sich nie so voll. Das muss das Alter sein. Aber die Besuche nahmen zusehens ab, und jetzt schenkt niemand bis auf den Mann mit den komischen Haaren Hans-Peter mehr als fünf, zehn Minuten Aufmerksamkeit am Tag. Von den möbeltragenden Mediamatikern hat Hans-Peter schon lange nichts mehr gesehen, und Nathalie reagiert auf keinen seiner Versuche, ein Gespräch anzufangen. Seine wenigen Besucher beklagen sich über den vollen Abfalleimer, und nicht selten bleiben Sie der Sonnenseite fern, um den stoischen Björn am anderen Ende des Ganges mit Zigaretten zu füttern und zwischendurch zu löschen. Selbst seine Lackierung hat Schrammen abbekommen, ohne dass es jemanden zu kümmern scheint. Und gestern wurde er gar als Türstopper eingesetzt.

In der Dunkelheit sind die einzigen Geräusche das Prasseln des Regens und Nathalies selbstzufriedenes Summen. Hans-Peter war nie ein Aschenbecher-Abfalleimer, der viel über das Leben nachdachte, aber ein kleiner Teil von ihm fragt sich, ob Nathalie nicht Recht hatte mit Ihren gemeinen Behauptungen. Eine zerdrückte Red Bull-Dose rutscht aus seinem Bauch und prallt laut auf dem Steinboden auf. Nathalie hält in Ihrem Gesumme inne. Bricht Nathalie endlich ihr Schweigen? Hoffnungsvoll schaut Hans-Peter hoch zum alten, verschraubten Aschenbecher, und Nathalie sagt:

“Ich hasse dich, Hans-Peter.”

Ein Abgesang auf die New-Economy, geschrieben 2003. Aus Gründen. Und heute irgendwie wieder relevant, aus anderen Gründen, deshalb herausgekramt.