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Die traurige Geschichte von Hans-Peter – Eine Parabel.

Regen peitscht gegen die Fensterscheiben an der Sonnenseite des Ganges. Sonnenseite, denkt Hans-Peter, was für ein schönes Wort. Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens, an der Treppe zum Glück. Ha. Ha. Ha. Hans-Peter zieht etwas Asche hoch, und blickt traurig zu Nathalie. Die Tusse ignoriert ihn jetzt schon seit zwei Wochen, selbstversunken im Rauch verkohlender Zigarettenfilter schwelgend und leise vor sich hin summend. Hans-Peter seufzt tief und zerdrückt eine Träne. Der Regen peitscht weiter mit einer Unablässlichkeit, als hegte er einen persönlichen Groll gegen alle Fensterscheiben dieser Welt.

Hans-Peters Auftritt im Gang des fünften Stockwerkes hatte so vielversprechend begonnen. Ein Software-Hersteller und ein Mediamatik-Unternehmen, beide mit strengem Rauchverbot in den Räumlichkeiten. Vielleicht auch ein, zwei Kettenraucher, nervöse Besucher, sogar Lehrlinge – die Möglichkeiten schienen grenzenlos. Aber das Leben kann grausam sein, besonders dann, wenn man wie Hans-Peter ein Aschenbecher ist.

Aschenbecher-Abfalleimer, korrigiert sich Hans-Peter. Nicht einfach nur ein Aschenbecher wie Nathalie und der stoische Björn am anderen Ende des Ganges, sondern was … Besonderes. Oben ascht man rein, unten entsorgt man die leeren Zigaretten-Verpackungen. Und anders als Nathalie und der stoische Björn am anderen Ende des Ganges, die beide mit hässlichen Schrauben an die Wand gebunden sind, kann Hans-Peter auf eigenen Füssen stehen.

Als er vor drei Monaten seinen Platz vor der Türe des Mediamatik-Unternehmens einnehmen durfte, war er wirklich etwas Besonderes. Die Programmierer von nebenan frohlockten ob seines grossen Fassungsvermögens und bewunderten die elegant-schwarze Lackierung mit dem kecken Marlboro-Schriftzug. Fast schon andächtig wurden die ersten Zigarettenstummel durch den verchromten Grill im weissen Sand erstickt. Keine brennenden Filter für Hans-Peter! Während Nathalie und der stoische Björn am anderen Ende des Ganges des öfteren mit Wasser gelöscht werden mussten, damit der Gestank von schlecht ausgemachten Zigaretten nicht zu sehr störte, lauschte Hans-Peter den Lobpreisungen seiner Besucher und lachte mit ihnen mit, wenn mal wieder über den Ursprung des weissen Sandes diskutiert wurde. Côte d’Azur? Sand vom Mond? Platinstaub? Wie hat Hans-Peter sich über die Aufmerksamkeit und die Spässe seiner Besucher gefreut. Dabei wäre er eigentlich nur für die Kunden des Mediamatik-Unternehmens gedacht gewesen. Aber es machte ihm nichts aus, dass auch Angestellte seine Dienste in Anspruch nahmen. Freudig schluckte er die Zelophan-Verpackungen und liess sich eine Zigarette nach der anderen in seinen chrombewehrten Kopf schieben. Gauloises, Lucky Strike, Parisienne, Camel: Er mochte sie alle.

Die Lichter werden für die Nacht gelöscht. “Das ist meine gerechte Strafe,” denkt Hans-Peter. “Aber ich war auch wirklich ein elitäres Arschloch. Schon am allerersten Tag im fünften Stockwerk habe ich Nathalie gestichelt. Der stoische Björn am anderen Ende des Ganges war zu weit weg, um meine abschätzigen Bemerkungen zu hören, also hat Nathalie alles abbekommen. Proletarisches Wandgezücht, schau mich an und sieh, was Du nie sein wirst! Bete mich an, denn ich bin der Aschenbecher-Abfalleimer auf diesem Stockwerk! Der einzige im ganzen Gebäude! Ich habe sie sogar eine hässliche, alte Wasserschluckerin genannt. Das hätte ich nie tun sollen.”

Der Abstieg hat schleichend begonnen. Als erstes wurde Hans-Peter unter Nathalie gestellt, damit die Programmierer und Mediamatiker es sich beim Rauchen auf der Treppe gemütlich machen konnten. Er, so nahe bei dieser Schnepfe? Das kann nicht sein! Was hat Nathalie gelacht, jedes hämische Kichern ein weiterer Dorn in Hans-Peters Seite. Er revanchierte sich damit, Nathalie vorzuhalten, dass er viel beliebter als sie sei. Und er sollte Recht behalten: tagtäglich bevölkerten neue Zigarettenstummel sein Bett aus weissem Sand, welches in regelmässigen Abständen ausgetauscht wurde.

Aber nach ein paar Wochen musste Hans-Peter mit Schrecken feststellen, dass die Besucher weniger wurden. Sollten sich etwa Nichtraucher in den beiden Firmen eingefunden haben? Stecken diese Leute auch hinter dem Fehlen des weissen Sandes? Vor einigen Tagen wurde Hans-Peter wie üblich geleert, aber kein Sand nachgefüllt. Oder haben sich gar Nathalie und der stoische Björn am anderen Ende des Ganges gegen ihn verschworen, um ihm die Raucher abzuluchsen? Nein – auch die beiden Wasserschlucker wurden weniger frequentiert als noch die Woche davor. Die Zahl der Besucher mag gesunken sein, dafür verblieben die treuen Raucher länger, um aufgeregt über Dinge zu diskutieren, die Hans-Peter nicht richtig verstand. Aber das kümmerte ihn nicht: ob mit weissem Sand oder ohne, er war noch immer der beliebteste Ascher auf diesem Stockwerk.

Eines Tages begannen die Mediamatiker, Mobiliar an ihm vorbei zu schleppen. “Komisch,” sagte sich Hans-Peter, “wo bringen die denn meine Arbeitskollegen hin? Der Tisch da wurde zusammen mit mir gekauft, jetzt ist er im Lastenaufzug! Da nützt er doch niemandem was!” Nathalie kicherte nur und machte Hans-Peter gegenüber Andeutungen, die er auch nicht richtig verstehen konnte. Einige Tage darauf war Nathalie plötzlich furchtbar wütend. “Hans-Peter, weshalb bist Du noch hier? Weshalb haben die Mediamatiker dich nicht auch abtransportiert?” Nathalie schäumte, und Hans-Peter sonnte sich in ihrem Zorn. “Ich bin halt etwas Besonderes. Auf mich will man nicht verzichten!” Nathalie wurde ganz still, und schien es sich auf ihren Schrauben gemütlich zu machen. Sie paffte ein wenig Rauch aus ihrem Metall-Körper, offensichtlich wollte heute niemand Feuerwehr spielen. “Wie alt bist Du?” fragte sie Hans-Peter. “Ich bin schon 2 Jahre alt!” verkündete dieser stolz. Nathalie musterte Hans-Peter, und ihre Stimme verhärtete sich. “Hans-Peter, Du wurdest verlassen. Die Mediamatiker haben dich verstossen. Niemand mag dich.” “Nein!” schrie Hans-Peter erbost, “Du alte Institutions-Schlampe bist nur neidisch darauf, dass die langhaarigen Grunzer von nebenan ihre Zigaretten nur in MIR ausdrücken! Und jetzt willst Du mich mit deinen Lügengeschichten täuschen! Ich mag noch jung sein, aber dich durchschaue ich!”

Seither hat Nathalie kein Wort mehr mit Hans-Peter gewechselt, was Hans-Peter auch recht war. Er hatte seine treuen Besucher, die sich aufopfernd um ihn kümmerten. Sie leerten selbst den Aschenbehälter, und so konnte er es ihnen verzeihen, dass sie seinen Bauch bis zum Bersten mit Red Bull-Dosen füllten. Komisch. Früher fühlte er sich nie so voll. Das muss das Alter sein. Aber die Besuche nahmen zusehens ab, und jetzt schenkt niemand bis auf den Mann mit den komischen Haaren Hans-Peter mehr als fünf, zehn Minuten Aufmerksamkeit am Tag. Von den möbeltragenden Mediamatikern hat Hans-Peter schon lange nichts mehr gesehen, und Nathalie reagiert auf keinen seiner Versuche, ein Gespräch anzufangen. Seine wenigen Besucher beklagen sich über den vollen Abfalleimer, und nicht selten bleiben Sie der Sonnenseite fern, um den stoischen Björn am anderen Ende des Ganges mit Zigaretten zu füttern und zwischendurch zu löschen. Selbst seine Lackierung hat Schrammen abbekommen, ohne dass es jemanden zu kümmern scheint. Und gestern wurde er gar als Türstopper eingesetzt.

In der Dunkelheit sind die einzigen Geräusche das Prasseln des Regens und Nathalies selbstzufriedenes Summen. Hans-Peter war nie ein Aschenbecher-Abfalleimer, der viel über das Leben nachdachte, aber ein kleiner Teil von ihm fragt sich, ob Nathalie nicht Recht hatte mit Ihren gemeinen Behauptungen. Eine zerdrückte Red Bull-Dose rutscht aus seinem Bauch und prallt laut auf dem Steinboden auf. Nathalie hält in Ihrem Gesumme inne. Bricht Nathalie endlich ihr Schweigen? Hoffnungsvoll schaut Hans-Peter hoch zum alten, verschraubten Aschenbecher, und Nathalie sagt:

“Ich hasse dich, Hans-Peter.”

Ein Abgesang auf die New-Economy, geschrieben 2003. Aus Gründen. Und heute irgendwie wieder relevant, aus anderen Gründen, deshalb herausgekramt.

Qualitätsjournalismus mag wohl Amokläufe. Und Autismus.

Apologies to my “international” readers – yes, another blog posting in German. ’twas necessary, as the hoodrum is a thing mostly happening in the German speaking world, i.e. quite a tad of Europe, so, eh. Scroll on, or use a translation service if you’re interested in European media, autism, and spree killings. Err.

Es ist nur all zu menschlich, dass man schwer zu erfassende Ereignisse mit Hilfe von Halbwissen (fast hätte ich „… von Vorurteilen“ geschrieben) begreifen möchte. Dass sich angesichts eines Schulmassakers gleich die halbe deutsche Medienwelt auf „Autismus, oder eine andere Persönlichkeitsstörung“ gestürzt hat ist jedoch auf mehreren Ebenen unglücklich:

  • Nein, Autismus ist keine Persönlichkeitsstörung.
  • Nein, Autismus ist auch keine psychische Erkrankung.
  • Nein, Autisten „sind“ nicht gefühlskalt, noch „haben“ sie Probleme, Empathie zu Mitmenschen zu empfinden.
  • Und nein, 100 dokumentierte Savants sind auch nicht dasselbe wie „weltweit 100 hochintelligente Autisten“. Während Asperger-Autisten gleichzeitig „oft“ Lernschwächen „haben“.
  • Und ganz besonders nein, zum Zeitpunkt der dpa-Veröffentlichung und der nachfolgenden Verwurstelung durch Spiegel Online, Tagesanzeiger/Newsnet, Blick und BILD war keineswegs belegt, dass der Täter eine Entwicklungsstörung im Autismus-Spektrum hatte.
  • Und ganz besonders² nein, eine Korrelation ist auch keine Kausalität.

Aber für die schnelle Schlagzeile scheint für zu viele Verlage journalistische Sorgfalt wenig zu zählen. Dann kopiert man lieber eine unbelegte Aussage aus der Agenturmeldung, streicht die Konditionalform und lässt die Praktikantin zehn Minuten im Internet nach „Autismus/Asperger“ googlen. Daraus macht man dann einen mehrspaltigen Artikel, der von weiteren Qualitätsmedien dankbar als Quelle für weitere Artikel aufgegriffen wird. Man macht eine Liste von „gefühlskalten“ Serienmördern und Amokläufern, und damit es fundiert wirkt kopiert man noch Passagen aus dem ICD-10 in den Artikel.

Und wenn man BILD heisst, macht man dann noch so etwas.

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Sind das die unangenehmen Auswüchse des Newsticker-Journalismus? Oder der Versuch, mit griffigen, kompakten Schubladen die Welt erklären zu wollen? So ähnlich, wie es die „Sendung mit der Maus“ für Kinder macht?

Und wollen wir als Leser, Betroffene und Angehörige so abgespeist werden? Ist es sinnvoll, ein solches Unvermögen und Abschreibverhalten auch noch mit einem Leistungsschutzrecht zu zementieren? Welche Leistung? Minderheiten-Bashing und Volksverdummung, basierend auf einem Satz einer eingekauften Agenturmeldung sowie Abschreiben bei der Konkurrenz?

„War nicht so gemeint, Tschuldigung.“ Das hilft den Tausenden von Betroffenen und deren Angehörigen nicht weiter, wenn bloss die Schlagworte und das Misstrauen bei den Konsumenten hängenbleiben. Bezeichnend die Suchstatistiken bekannterer Autismus-Blogs, wie zum Beispiel hier bei autzeit gefunden:

  1. Autzeit
  2. Autist gefährlich
  3. Breivik Autist
  4. Schmetterling von oben
  5. Asperger Sadismus
  6. Asperger gefährlich
  7. Schmetterling schleppt ein Stein
  8. Asperger Amoklauf
  9. Sind Autisten gefährlich?
  10. Asperger Gefahr

Gratulation, Qualitätsmedien! Ihr rockt, hart!

 

 

Disclaimer: Ich bin nicht selbst betroffen, aber Angehöriger. Und ich habe die ganzen Artikel extra nicht verlinkt, noch mehr Klicks sollen diese Publikationen nicht erhalten. Wer nachlesen will kann sich bei den Aspergerfrauen der Linkliste bedienen. Auffällig ist so oder so: In den amerikanischen Medien, besonders in denen aus Connecticut, spielt das Asperger-Autismus-Gerücht kaum eine Rolle. Ein weiterer Spaltpilz in der Bevölkerung scheint dort unnötig zu sein, oder die Medien zeigen wenigstens ein modicum an Relevanzverständnis. Und gutem Geschmack.

Germany: Leistungsschutzrecht, or how to make sure you’ll never need to change anything about your business, ever.

You’re a newspaper publisher who’s been around for a century or two. Well, not you personally (hopefully), but your publishing house. You’ve been living a sheltered life, mostly; declining ad revenue was easily shouldered by downsizing your regular staff and crushing freelancers with outrageously low fees for their time, effort, and work.

The reason for said dwindling revenues is this new kid on the block, The Wobble. It has been around for a couple of decades, but you never took it seriously, ignored it as best as you could. But your audience (the readers) and your customers (the businesses paying for ad space) liked the new guy; The Wobble became more and more popular. Deep in your heart you knew, already back in the late 90s, that its capricious nature might prove more resilient than you’d like. But what the hells, let’s ignore it some more.

Ten years later you concede one of these new-fangled thingies, a Web Site, might be in order. Yeah. And let’s put these articles online! That’s the thing to do, nowadays. Apparently. So businesses continue buying your print ad space, as well as online ads! To make your brand more popular amongst them weirdo dudes who are on “Social Media”, you’ll also add some buttons and stuff and include loads of metainformation for them “Search Engines”. Whatever they are.

At the same time, refrain from investing in the people who actually write and research the content you distribute. These Reuters and DPA and SDA online feeds are handy; after all, The Wobble and its friends won’t want to read real articles. Rehashes of news should suffice to rekindle the urge to subscribe to your paper-version paper, and thus ensure more revenue from advertisements.

Also, ignore the opportunities your new potential friend The Wobble wants to share with you. Reduce your perception to two of its warts: Facebook and Google. Then first sue Google for sharing headlines you made freely accessible on your web site, pretty much asking for it through SEO marketing. Your bank account doesn’t explode yet? Well, step two is to lobby with your government. Ask your governmental warden to tell The Wobble’s wart to pay for re-sharing content’s headlines (not full articles) you originally shared yourself.

Instant success! Also make sure to publish it in your on- and offline papers as a grand success for all reporters, journalists, photographers, and editors. You know, the guys and gals you pay less and less, and kick out of secure jobs more and more often. The people who would provide you with premium content you could make a living from if you both let them, and started talking with The Wobble rather than seeing it as a parasite.

But hey, what’s to worry about? Why make friends with the guy who’s been living nextdoor for thirty years? There’s always the warden to fall back on. So you won’t have to adapt or develop. Ever.

Glosse: Thalia und Weltbild, oder wie man aus einer Abstimmung Marketingkapital schlägt.

Ich hatte mich gewundert, weshalb sowohl Thalia als auch Weltbild – zwei der vier größten Filialketten („Discounter“) im Schweizer Buchhandel – die Buchpreisbindung unterstützen. Jetzt zeigt sich allerdings ein so einfacher wie zynischer Erklärungsansatz.

Wie könnte der Gedankengang bei den beiden Buchhandelsketten ausgesehen haben? Es folgt eine sicher total an den Haaren herbeigezogene Spekulation, aufbereitet in handlicher Listenform:

  1. Dass eine Buchpreisbindung auf den Verdrängungswettbewerb der Standorte kaum Einfluss hat weiß zumindest Thalia seit geraumer Zeit.
  2. Der Konkurrent ExLibris hat sich mit der Unterstützung des Referendums – als vokaler Gegner einer Buchpreisbindung – positioniert.
  3. … dann könnte man sich marketingtechnisch ja ganz gut vom Schweizer Konkurrenten unterscheiden, wenn man sich zu den Befürwortern schlägt, nicht?
  4. Netterweise liefert das JA-Komitee auch noch massig Werbematerialien wie Poster, Aufkleber, Flyer und Buttons an die Befürworter. Mit Heidi drauf, das zieht in der Schweiz immer.
  5. Als einzigen Böölimaa im deutschschweizer Filialgestrüpp konzentrieren sich die Befürworter einer Buchpreisbindung auf ExLibris. Schön, dass man sich so einfach und preiswert aus der Schusslinie nehmen kann!
  6. Die große Konkurrenz der Discounter liegt im Online-Handel und bei den eBooks. Der Strukturwandel hat selbst für Thalia zu Filialschließungen in Deutschland geführt. Was liegt näher, als selbst eine eBook-Plattform mit eigenem Reader zu lancieren? Weltbild verteilt ihren Reader ja auch zum Ramschpreis.
  7. Und die verbliebenen Standorte werten wir dann mit Kaffeebars, Rolltreppen und Geschenkartikeln zu Konsumtempeln auf. Mit Heidi am Schaufenster. Genau.

Thalia und Weltbild können sich am 11. März gepflegt zurücklehnen. Sie haben bereits Vorkehrungen getroffen, um im Strukturwandel nicht komplett unterzugehen, und werden mit oder ohne Buchpreisbindung wie bisher ihre Marktmacht ausspielen. Mit der Heidi-Kampagne können sie sich in der Deutschschweiz vom ärgsten Konkurrenten auf einer moralischer Ebene distanzieren. Es geht ja immerhin um ein Kulturgut! Welcher Unmensch kann schon NEIN zum Buch sagen?

Es fällt sicher niemandem auf, dass neben dem Heidi im Schaufenster auch noch ein „Bestseller – jetzt 30 % günstiger“-Sticker klebt. Oder dass man den eigenen eReader zum Kampfpreis unters Volk bringt. Die Buchpreisbindung als Marketinginstrument. Kein dummer Ansatz, falls man davon ausgeht, dass der Ausgang der Abstimmung für den Geschäftsgang wenig relevant sein wird. Nicht dumm, aber auch nicht unbedingt großherzig.

Ich schließe mich in dieser Hinsicht dem Verleger Hans-Rudolf Wiedmer an: „Wenn das Gesetz angenommen wird, nehme ich das zur Kenntnis. Wenn es abgelehnt wird, ist das für mich kein Grund zum Jubeln.“

Schade, dass bei der ganzen Diskussion andere mögliche Gründe fürs Lädelisterben kaum Beachtung finden.

Buchpreisbindung in der Schweiz oder Korrelation ist nicht Kausalität.

Nachtrag vom 30. Januar 2012: Der Verleger Markus Schneider (Echtzeit-Verlag) äußert sich zur Buchpreisbindung. Damit wäre für mich zumindest die inhaltliche Ebene geklärt – danke schön! Die Kommunikationssache, die ich in diesem Artikel kritisiere, bleibt weiterhin problematisch.

Originaltext:

Da ich mich auf eine deutschsprachige Website beziehe verfasse ich diesen Artikel ausnahmsweise auch in Deutsch. Sorry ’bout that.

Ich antworte in diesem Beitrag auf die Aussagen von Ja zum Buch, also der offiziellen Argumentation der Buchpreisbindungs-Befürworter. Ich möchte voranstellen, dass es mir weniger um die Sache geht als, einmal mehr, um die Art und Weise der Kommunikation und dem Sich-Zurechtdrehen der Faktenlage aus Eigennutz oder, eventuell, Unverständnis.

Was das Gesetz selbst betrifft bin ich sehr an Erklärungen interessiert und freue mich auf Eure Kommentare. Ich kann nicht nachvollziehen, wie dieses Gesetz in der jetzigen Form seine Ziele erreichen soll; die Website Ja-zum-Buch hat mich in dieser Hinsicht nicht aufklären können.

Das hier ist also eine Gegendarstellung, nicht unbedingt gegen die Idee einer Buchpreisbindung in der Schweiz, sondern mehr gegen die Argumente, die von den Befürwortern vorgebracht werden. Und mit denen sie sich meiner Meinung nach mehr schaden als nützen.

Stärkt Buchhandlungen und Verlage.

Diese Unterseite zeigt keinen schlüssigen Beleg, weshalb eine Buchpreisbindung Buchhandlungen und Verlage „stärken“ könnte. Sie stützt sich auf Vergleiche. Das Hauptargument scheint das Buchladensterben zu sein:

In der Westschweiz ist die Zahl der Buchhandlungen und Verlage seit der Aufhebung der festen Ladenpreise im Jahr 1993 deutlich zurückgegangen. In Grossbritannien wurde der Buchmarkt 1995 komplett dereguliert. Die Konsequenz: Alleine seit 2005 wurden von seinerzeit 4000 Buchhandlungen 1800 geschlossen.

Aber es wird nicht belegt, dass diese Entwicklung mit der Aufhebung der damaligen Buchpreisbindung zusammenhängt – im Falle von Großbritannien werden Zahlen zehn Jahre nach der Deregulierung genannt.

Komplett ausgeklammert wird zum Beispiel das technologiebedingte Anwachsen des Online-Handels und damit der Möglichkeit, sich selbst zu informieren und die Bücher frei Haus liefern zu lassen. Oder die wachsende Verbreitung von GPS-Systemen, die dem Reiseführer- und Landkarten-Handel zusetzten. Oder die Verfügbarkeit von Online-Communities, die durchs Veröffentlichen eigener Rezepte traditionelle Kochbücher ins Abseits drängten. Oder dass Brockhaus den Druck ihrer Enzyklopädie einstellte, da es online sinnvoller (da aktueller) erschien. Oder wie Gewerbetreibende europaweit mit mehr und mehr Auflagen gegängelt werden, während gleichzeitig die Kaufkraft abnimmt.

Mit der Buchpreisbindung, respektive unterschiedlichen Endverkaufspreisen, hat das alles nichts zu tun. Dennoch stellt Ja-zum-Buch die weggefallene Buchpreisbindung als alleinige Erklärung fürs „Buchladensterben“ dar.

Dass in Großbritannien seit 2005 viele Buchhändler aufgeben mussten stimmt. Aber auch hier fehlt ein Beleg dafür, dass es direkt mit der Deregulierung des Buchmarktes zehn Jahre zuvor zusammenhängt – und nicht zum Beispiel mit radikalen Veränderungen der innenpolitischen Landschaft und der damit verbundenen Ansätze zur Besteuerung von Kleinunternehmen. Und, wieder: Der Einfluss des technologischen Wandels wird von den Befürwortern nicht in Betracht gezogen.

Korrelation ist nicht Kausalität.

Seit der Aufhebung der Buchpreisbindung im Jahr 2007 mussten in der Deutschschweiz bereits 13 Prozent der Buchhandlungen schliessen.

Korrekt. Aber – ist daran tatsächlich die Aufhebung der Buchpreisbindung schuld? Oder ist es (auch?) anderen Faktoren zuzuschreiben, siehe oben? Die Antwort bleibt ja-zum-buch.ch schuldig; alleine die fehlende Buchpreisbindung „ist schuld“.

Wieder: Korrelation ist nicht Kausalität.

Entscheidet sich die Schweiz gegen die Buchpreisbindung, heisst das, dass mittelfristig nur noch Filialisten und Discounter den Buchmarkt in der Schweiz prägen werden. Regionale Angebote und Spezialitäten werden auf ihrem Weg in das Buchhändlerregal auf der Strecke bleiben.

Dass Filialisten bereits seit vielen Jahren den Buchhandel prägen hat nichts mit Preisbindung ja/nein zu tun: Große Ketten und Discounter können billiger einkaufen und mehr Rabatte geben, während sie gleichzeitig als Teil eines Konzerns etwaige Ausfälle, hohe Mieten und Werbemaßnahmen besser verkraften können. Eine Beschränkung des Angebots ermöglicht Einsparungen in der Logistik, Filialführung (Regale und Organisation), Auswahl der Mitarbeiter und Umfang des Marketings. Der Discounter wird sein Angebot nicht erweitern, nur weil die Bücher schweizweit zum selben Preis verkauft werden müssen – die genannten Faktoren sind einflussreicher auf Umsatz und Gewinn und damit wichtiger für die Basis, auf der Discounter bauen.

Diese Möglichkeiten hat der inhabergeführte Laden nicht, und bekommt sie auch nicht durch eine Buchpreisbindung.

Auch bleibt die Website eine Erklärung schuldig, weshalb regionale Angebote davon profitieren, schweizweit zum gleichen Preis verkauft zu werden. Respektive weshalb das die letzten fünf Jahre ein riesiges Problem gewesen sein soll.

Sichert Vielfalt und fördert Schweizer Literatur.

Diese Unterseite spricht von „Buchvielfalt statt Einheitsbrei“, ohne eindeutig zu belegen, dass diese Vielfalt von schweizweit festgelegten Endverkaufspreisen beeinflusst wird.

Die Buchpreisbindung führt zum Wettbewerb über Inhalte, Kreativität, Innovation und Vielfalt. Damit bleibt garantiert, dass Schweizer Verlage auch in Zukunft Schweizer Autorinnen und Autoren entdecken, zukünftige Dürrenmatts und Bichsels ihren Platz in der Buchhandlung haben und das Schweizer Kulturschaffen stark bleibt.

Dieser Wettbewerb besteht bereits seit mehreren Jahrzehnten, wenn nicht gar seit dem Entstehen des Verlagswesens: Verlag kommt von „vor-legen“; jemand investiert in ein Manuskript in der Hoffnung, damit einen Gewinn zu erzielen.

Gewinn wird erwirtschaftet, wenn genug Menschen das Produkt – hier, das Buch – kaufen. Was auch heißt: Ein Verlag verlegt kein Buch, in dem er keine (oder eine zu geringe) Gewinnmöglichkeit sieht. Außer, es handelt sich um Liebhaberei, die durch andere Bücherverkäufe quersubventioniert werden kann. Hier sind dann jedoch für Verlag und Autor minimal schwankende Verkaufspreise weniger relevant als die Anzahl der vermittelten Bücher.

Für Autoren ändert eine Buchpreisbindung in dieser Hinsicht nichts: Entweder, das Manuskript überzeugt den Verleger (könnte also Gewinn erwirtschaften) oder nicht. Und falls nicht hatten Autoren noch nie so viele Möglichkeiten wie heute, ihre Inhalte trotzdem der Öffentlichkeit zu präsentieren oder zu verkaufen. Die Kalkulation von Verlagen spielt bei autorenvertriebenen eBooks oder Print-on-Demand-Büchern keine Rolle, die Diversität ist davon nicht berührt.

Dürrenmatt war übrigens bei Diogenes. Gesamtauflage über 200 Millionen Exemplare und gut 6000 Titel, einer der wichtigsten Verlage im deutschsprachigen Raum. Bichsel hingegen hat im Eigenverlag publiziert, bis er schließlich in der Weltwoche und dann Schweizer Illustrierten veröffentlichte. Beides (damals) große, finanzstarke „Player“ im Schweizer Markt. Als Beleg, dass die Buchpreisbindung Klein(st)verlagen und Sparten-Autoren hilft, sind beide denkbar ungeeignet.

Senkt Preisunterschiede zum Ausland.

Diese Unterseite will den Wählern erklären, dass ungebundene Preise zu höheren Verkaufspreisen führen. Respektive gebundene Preise zu billigeren Büchern. Sie bemüht dabei dieses Argument:

Zwischen 1983 und 2007 betrug die Teuerung in der Schweiz 55 Prozent. Beim Buch waren es nur 15 Prozent. Der Preis für ein Konzertticket oder eine Tasse Kaffee ist in dieser Zeitspanne rasanter gestiegen.

Das ist korrekt: Vor der Aufhebung der Preisbindung sind Bücher in der Schweiz weniger als die Teuerung, nun ja, teurer geworden. Das ist nicht verwunderlich, befanden sich die Bücherpreise bereits auf einem hohen Niveau, besonders verglichen mit den Preisen im Ausland.

Polemisch: 4 % von 40 Franken (vor der Aufhebung der Buchpreisbindung) sind prozentual gesehen weniger als 6 % von 25 Franken (nach der Aufhebung). In absoluten Zahlen ist die höhere Teuerung dennoch die für den Konsumenten günstigere.

Es fehlen Belege, die zeigen, dass die unterschiedlichen Preissteigerungen der Buchpreisbindung bzw. deren Fehlen geschuldet sind. Wieder: Korrelation ist nicht Kausalität. Die deutsche Preisentwicklung, die in diesem Zeitraum auf einem deutlich niedrigeren Niveau begonnen hat mit einer 100%-Skala gegenüberzustellen ist, nett ausgedrückt, speziell. Besonders, wenn man sowohl die politischen Veränderungen als auch die Marktbereinigung durch Großhändler wie Thalia ausblendet. Die übrigens in ihrer gegenwärtigen Form durch die deutsche Buchpreisbindung begünstigt wurde und wird.

Wenden wir uns den Verleger- und Autorenzitaten zu.

«Die kleine Landschule soll ein Schulbuch zum gleichen Preis kaufen können wie die grosse Agglo-Gemeinde.»

(Peter Uhr, Verlagsleiter, Schulbuchverlag plus, Bern.)

Das wird durch das vorgelegte Buchpreisbindungs-Gesetz nicht besser gewährleistet als ohne: Mengenrabatte sind sogar explizit als zulässig aufgeführt.

«Die Buchpreisbindung fördert die Vielfalt der Buchhandlungen. Gäbe es nur noch Discounter, könnte man keine Zürcher Bibel mehr kaufen.»

(Gallus Weidele, Geschäftsleiter voirol – Die Oekumenische Buchhandlung.)

Eigentümergeführte Buchhandlungen werden mit der Buchpreisbindung gegenüber Discountern schlechtergestellt: Letztere können mit dem Lieferanten größere Rabatte aushandeln (Zwischenverkaufspreise sind im Gesetz nur mit branchenfremden Unternehmen geregelt, nicht mit Buchhändlern) und dann im Preiskampf laut Artikel 6 „Allgemein zulässiger Rabatt“ übers ganze Sortiment 5 % billiger verkaufen. Was sie sich eher leisten können als der unabhängige Buchhändler.

Auch fehlt mir ein Grund, weshalb die Zürcher Bibel nicht mehr lieferbar sein soll, wenn sie z.B. von Ex Libris billiger angeboten werden könnte, Ex Libris dies aber nicht tut: Discounter führen solche Bücher nicht, weil es dem Geschäftsmodell „Einheitsbrei“ widerspricht. Eine Buchhandlung, die die Zürcher Bibel führt, steht also nicht in direkter Konkurrenz mit dem Discounter.

«Ich lebe in einer kleineren Stadt. Die Buchhandlung ist das kulturelle Zentrum, das auf die ganze Stadt ausstrahlt. Ohne Preisbindung würde sie dieses rasch verlieren.»

(Prof. Dr. Rainer J. Schweizer, Universität St.Gallen.)

Ist diese Ausstrahlung auch preisgebunden? Oder hängt es an den Händlern und Angestellten, dem Ladengeschäft, dem „Mehr“, das diese Buchhandlung bietet? Mit einer Buchpreisbindung könnte diese Buchhandlung dieses „Mehr“ nicht durch etwas höhere Preise gegenüber Discountern finanzieren und würde erst recht eingehen. Und wenn sie ohne Preisbindung diese Ausstrahlung schnell verliert – wie konnte die Buchhandlung die letzten fünf Jahre ohne Buchpreisbindung überleben, und die neun Jahre zuvor, als der Streit um die Buchpreisbindung zu vielen Ausnahmen in der individuellen Preisgestaltung führte?

28. Januar 2012, ergänzt 29. Januar 2012