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«Dem Volk vertrauen?», oder: Weshalb ich die Initiative zur Volkswahl des Schweizer Bundesrats eine doofe Idee finde.

Friday, May 3rd, 2013

Auf den ersten Blick ist die Volksinitiative zur «Volkswahl des Bundesrats» naheliegend: Die Schweiz pflegt eine erstaunlich direkte Demokratie, und die Legislative wird ja auch vom Volk gewählt – weshalb soll das bei der Regierung nicht funktionieren? Kurze Antwort: Art. 175 Abs. 4 bis 6.


Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert:

[…]

Art. 175 Abs. 2 ?7

2 Die Mitglieder des Bundesrates werden vom Volk in direkter Wahl nach dem Grundsatz des Majorzes gewählt. Sie werden aus allen Schweizerbürgerinnen und Schweizerbürgern gewählt, die als Mitglieder des Nationalrates wählbar sind.

3 Die Gesamterneuerung des Bundesrates findet alle vier Jahre gleichzeitig mit der Wahl des Nationalrates statt. Bei einer Vakanz findet eine Ersatzwahl statt.

4 Die gesamte Schweiz bildet einen Wahlkreis. Gewählt ist im ersten Wahlgang, wer das absolute Mehr der gültigen Stimmen erreicht. Dieses berechnet sich wie folgt: Die Gesamtzahl der gültigen Kandidatenstimmen wird durch die Zahl der zu wählenden Mitglieder des Bundesrates geteilt und das Ergebnis halbiert; die nächsthöhere ganze Zahl ist das absolute Mehr. Haben nicht genügend Kandidierende im ersten Wahlgang das absolute Mehr erreicht, so findet ein zweiter Wahlgang statt. Im zweiten Wahlgang entscheidet das einfache Mehr. Bei Stimmengleichheit wird das Los gezogen.

5 Mindestens zwei Mitglieder des Bundesrates müssen aus den Wahlberechtigten bestimmt werden, die in den Kantonen Tessin, Waadt, Neuenburg, Genf oder Jura, den französischsprachigen Gebieten der Kantone Bern, Freiburg oder Wallis oder den italienischsprachigen Gebieten des Kantons Graubünden wohnhaft sind.

6 Ist nach einer Bundesratswahl die Anforderung nach Absatz 5 nicht erfüllt, so sind diejenigen in den in Absatz 5 bezeichneten Kantonen und Gebieten wohnhaften Kandidierenden gewählt, die das höchste geometrische Mittel aus den Stimmenzahlen der gesamten Schweiz einerseits und den Stimmenzahlen der genannten Kantone und Gebiete andererseits erreicht haben. Als überzählig scheiden jene Gewählten aus, welche ausserhalb der genannten Kantone und Gebiete wohnhaft sind und die tiefsten Stimmenzahlen erreicht haben.

7 Das Gesetz regelt die Einzelheiten.

[…]


Als hoffnungsvoller Proto-Gemeinderat muss man, nun ja, seine Gemeinde überzeugen. Es hilft viel, wenn die Leute die Kandidatin oder den Kandidaten kennen, und sei’s nur vom Neujahrs-Apéro oder der lokalen Gewerbeausstellung. Gut machbar, was auch die große Zahl an parteilosen Gemeinderäten breit über die Schweiz verteilt zeigt.

Bei der Bundes-Legislative wird der Kreis größer, nun muss man eine Mehrheit im eigenen Kanton hinter sich bringen. Das heißt einerseits Klinkenputzen, andererseits Werbekosten. Den grünen Nationalrat Balthasar Glättli kostete es mindestens 85.000 Franken, andere sollen weit über 300.000 Franken für den Wahlkampf ausgegeben haben. Man hat’s, oder man hat’s nicht.

Im Schweizer Ständerat sitzt genau ein parteiloser Parlamentarier: Besitzer, Geschäftsleiter und Verwaltungsratspräsident einer Kosmetikfirma.

Auch wenn man im Dorf oder dem Stadt-Quartier von allen mit Handschlag begrüsst wird, ein paar dutzend Kilometer entfernt ist man, sofern man nicht bereits aus anderen Gründen eine «öffentliche Person» ist, genau eines: unbekannt. Und Unbekannte werden nicht gewählt.

So, und jetzt kommt diese lustige Initiative und verlangt in Artikel 4 einen gesamtschweizerischen Wahlkreis. Das sind dann nicht mehr 2.000 oder 100.000 Leute, sondern über 5 Millionen Wahlberechtigte. Ich mag ein Zyniker sein, aber ich bin mir sicher: Eine Mehrheit gemäß Absatz 4 erreicht man nur mit vorherigem Medienecho (ob positiv oder negativ) oder einem Haufen Kohle für eine schweizweite Werbekampagne.

Und das über vier Landessprachen, den so genannten «Röstigraben», das Gotthard-Massiv und das Stadt-Land-Gefälle.

Hohe Kosten, damit zum Beispiel ein Thurgauer von einer Kandidatin aus der Waadt überhaupt weiß, plus großer Zeitaufwand für persönliche Auftritte, damit die Wähler einen auch kennenlernen. Der Schluss ist meines Erachtens klar – das heißt Dauerwahlkampf mit potenten Geldgebern oder einem eigenen dicken Sparbuch im Rücken.

Vergleiche mit Wahlkämpfen für den National- oder Ständerat sind unsinnig: Viel kleinere Zielgruppe, gleiche Sprache, das Interesse von Regionalzeitungen statt «Blick» und «NZZ» wecken.

… und dann kommen Abs. 5 und Abs. 6 und legen die Hürde noch höher: Man wurde gewählt, lebt aber im falschen Kanton, wird also nicht Bundesrat. Das heißt für Kandidatinnen und Investoren Lobbyisten Spender ein größeres «Risiko», was zu höheren Kosten in der Werbung und mehr Vorort-Terminen führt. Man will das Risiko ja minimieren, auf einem der beiden letzten (deutschsprachigen) Plätze zu landen.

Die Schweizerische Volkspartei hat eben wieder ein neues «Extrablatt» an alle Schweizer Haushalte angekündigt, als Abstimmungsempfehlung. Die Kosten des letzten «Extrablattes» beliefen sich auf eine runde Million Franken.

Welcher Kandidat kann etwas Vergleichbares ohne dickes Sparbuch oder potente Geldgeber stemmen? Wie sehen dann im zweiten Fall die Abhängigkeiten aus? Wie sollen das bereits gewählte Volksvertreter parallel zu ihren bestehenden Verpflichtungen durchführen? Wie ein frisches Gesicht, ohne Job oder Firma zu vernachlässigen? Und das passend für potentielle Wähler aus dem französischen, deutschen, rätoromanischen und italienischen Sprachkreis?

Ich glaube nicht, dass damit die fähigsten Menschen unsere Regierung bilden würden. Heute wird der Bundesrat von «Peers» gewählt, stammen aus dem Umfeld, den die Wahlberechtigten, eben: kennen. Leute, mit denen man im Parlament zusammengearbeitet, vielleicht auch mal ein Bier oder einen Kaffee geteilt hat. Menschen, die die Wahlberechtigten einschätzen können. Ganz ab von Werbung, Parolen, geküssten Kleinkindern und einer stabilen Geldinfusion.

Ja, es ist nicht sicher, ob besagte «Peers» anbetracht möglicher Mauscheleien und Kadavergehorsam immer eine fähige Exekutive zu stande bringen. Aber aus den genannten Gründen bin ich der Meinung, dass diese Volksinitiative das (möglicherweise) bestehende Problem mit einem sehr viel größeren, realen Problem ersetzen würde. Deshalb werde ich am 9. Juni 2013 ein dickes, fettes NEIN in die Urne legen.

Glosse: Thalia und Weltbild, oder wie man aus einer Abstimmung Marketingkapital schlägt.

Tuesday, February 21st, 2012

Ich hatte mich gewundert, weshalb sowohl Thalia als auch Weltbild – zwei der vier größten Filialketten („Discounter“) im Schweizer Buchhandel – die Buchpreisbindung unterstützen. Jetzt zeigt sich allerdings ein so einfacher wie zynischer Erklärungsansatz.

Wie könnte der Gedankengang bei den beiden Buchhandelsketten ausgesehen haben? Es folgt eine sicher total an den Haaren herbeigezogene Spekulation, aufbereitet in handlicher Listenform:

  1. Dass eine Buchpreisbindung auf den Verdrängungswettbewerb der Standorte kaum Einfluss hat weiß zumindest Thalia seit geraumer Zeit.
  2. Der Konkurrent ExLibris hat sich mit der Unterstützung des Referendums – als vokaler Gegner einer Buchpreisbindung – positioniert.
  3. … dann könnte man sich marketingtechnisch ja ganz gut vom Schweizer Konkurrenten unterscheiden, wenn man sich zu den Befürwortern schlägt, nicht?
  4. Netterweise liefert das JA-Komitee auch noch massig Werbematerialien wie Poster, Aufkleber, Flyer und Buttons an die Befürworter. Mit Heidi drauf, das zieht in der Schweiz immer.
  5. Als einzigen Böölimaa im deutschschweizer Filialgestrüpp konzentrieren sich die Befürworter einer Buchpreisbindung auf ExLibris. Schön, dass man sich so einfach und preiswert aus der Schusslinie nehmen kann!
  6. Die große Konkurrenz der Discounter liegt im Online-Handel und bei den eBooks. Der Strukturwandel hat selbst für Thalia zu Filialschließungen in Deutschland geführt. Was liegt näher, als selbst eine eBook-Plattform mit eigenem Reader zu lancieren? Weltbild verteilt ihren Reader ja auch zum Ramschpreis.
  7. Und die verbliebenen Standorte werten wir dann mit Kaffeebars, Rolltreppen und Geschenkartikeln zu Konsumtempeln auf. Mit Heidi am Schaufenster. Genau.

Thalia und Weltbild können sich am 11. März gepflegt zurücklehnen. Sie haben bereits Vorkehrungen getroffen, um im Strukturwandel nicht komplett unterzugehen, und werden mit oder ohne Buchpreisbindung wie bisher ihre Marktmacht ausspielen. Mit der Heidi-Kampagne können sie sich in der Deutschschweiz vom ärgsten Konkurrenten auf einer moralischer Ebene distanzieren. Es geht ja immerhin um ein Kulturgut! Welcher Unmensch kann schon NEIN zum Buch sagen?

Es fällt sicher niemandem auf, dass neben dem Heidi im Schaufenster auch noch ein „Bestseller – jetzt 30 % günstiger“-Sticker klebt. Oder dass man den eigenen eReader zum Kampfpreis unters Volk bringt. Die Buchpreisbindung als Marketinginstrument. Kein dummer Ansatz, falls man davon ausgeht, dass der Ausgang der Abstimmung für den Geschäftsgang wenig relevant sein wird. Nicht dumm, aber auch nicht unbedingt großherzig.

Ich schließe mich in dieser Hinsicht dem Verleger Hans-Rudolf Wiedmer an: „Wenn das Gesetz angenommen wird, nehme ich das zur Kenntnis. Wenn es abgelehnt wird, ist das für mich kein Grund zum Jubeln.“

Schade, dass bei der ganzen Diskussion andere mögliche Gründe fürs Lädelisterben kaum Beachtung finden.

Buchpreisbindung in der Schweiz oder Korrelation ist nicht Kausalität.

Saturday, January 28th, 2012

Nachtrag vom 30. Januar 2012: Der Verleger Markus Schneider (Echtzeit-Verlag) äußert sich zur Buchpreisbindung. Damit wäre für mich zumindest die inhaltliche Ebene geklärt – danke schön! Die Kommunikationssache, die ich in diesem Artikel kritisiere, bleibt weiterhin problematisch.

Originaltext:

Da ich mich auf eine deutschsprachige Website beziehe verfasse ich diesen Artikel ausnahmsweise auch in Deutsch. Sorry ’bout that.

Ich antworte in diesem Beitrag auf die Aussagen von Ja zum Buch, also der offiziellen Argumentation der Buchpreisbindungs-Befürworter. Ich möchte voranstellen, dass es mir weniger um die Sache geht als, einmal mehr, um die Art und Weise der Kommunikation und dem Sich-Zurechtdrehen der Faktenlage aus Eigennutz oder, eventuell, Unverständnis.

Was das Gesetz selbst betrifft bin ich sehr an Erklärungen interessiert und freue mich auf Eure Kommentare. Ich kann nicht nachvollziehen, wie dieses Gesetz in der jetzigen Form seine Ziele erreichen soll; die Website Ja-zum-Buch hat mich in dieser Hinsicht nicht aufklären können.

Das hier ist also eine Gegendarstellung, nicht unbedingt gegen die Idee einer Buchpreisbindung in der Schweiz, sondern mehr gegen die Argumente, die von den Befürwortern vorgebracht werden. Und mit denen sie sich meiner Meinung nach mehr schaden als nützen.

Stärkt Buchhandlungen und Verlage.

Diese Unterseite zeigt keinen schlüssigen Beleg, weshalb eine Buchpreisbindung Buchhandlungen und Verlage „stärken“ könnte. Sie stützt sich auf Vergleiche. Das Hauptargument scheint das Buchladensterben zu sein:

In der Westschweiz ist die Zahl der Buchhandlungen und Verlage seit der Aufhebung der festen Ladenpreise im Jahr 1993 deutlich zurückgegangen. In Grossbritannien wurde der Buchmarkt 1995 komplett dereguliert. Die Konsequenz: Alleine seit 2005 wurden von seinerzeit 4000 Buchhandlungen 1800 geschlossen.

Aber es wird nicht belegt, dass diese Entwicklung mit der Aufhebung der damaligen Buchpreisbindung zusammenhängt – im Falle von Großbritannien werden Zahlen zehn Jahre nach der Deregulierung genannt.

Komplett ausgeklammert wird zum Beispiel das technologiebedingte Anwachsen des Online-Handels und damit der Möglichkeit, sich selbst zu informieren und die Bücher frei Haus liefern zu lassen. Oder die wachsende Verbreitung von GPS-Systemen, die dem Reiseführer- und Landkarten-Handel zusetzten. Oder die Verfügbarkeit von Online-Communities, die durchs Veröffentlichen eigener Rezepte traditionelle Kochbücher ins Abseits drängten. Oder dass Brockhaus den Druck ihrer Enzyklopädie einstellte, da es online sinnvoller (da aktueller) erschien. Oder wie Gewerbetreibende europaweit mit mehr und mehr Auflagen gegängelt werden, während gleichzeitig die Kaufkraft abnimmt.

Mit der Buchpreisbindung, respektive unterschiedlichen Endverkaufspreisen, hat das alles nichts zu tun. Dennoch stellt Ja-zum-Buch die weggefallene Buchpreisbindung als alleinige Erklärung fürs „Buchladensterben“ dar.

Dass in Großbritannien seit 2005 viele Buchhändler aufgeben mussten stimmt. Aber auch hier fehlt ein Beleg dafür, dass es direkt mit der Deregulierung des Buchmarktes zehn Jahre zuvor zusammenhängt – und nicht zum Beispiel mit radikalen Veränderungen der innenpolitischen Landschaft und der damit verbundenen Ansätze zur Besteuerung von Kleinunternehmen. Und, wieder: Der Einfluss des technologischen Wandels wird von den Befürwortern nicht in Betracht gezogen.

Korrelation ist nicht Kausalität.

Seit der Aufhebung der Buchpreisbindung im Jahr 2007 mussten in der Deutschschweiz bereits 13 Prozent der Buchhandlungen schliessen.

Korrekt. Aber – ist daran tatsächlich die Aufhebung der Buchpreisbindung schuld? Oder ist es (auch?) anderen Faktoren zuzuschreiben, siehe oben? Die Antwort bleibt ja-zum-buch.ch schuldig; alleine die fehlende Buchpreisbindung „ist schuld“.

Wieder: Korrelation ist nicht Kausalität.

Entscheidet sich die Schweiz gegen die Buchpreisbindung, heisst das, dass mittelfristig nur noch Filialisten und Discounter den Buchmarkt in der Schweiz prägen werden. Regionale Angebote und Spezialitäten werden auf ihrem Weg in das Buchhändlerregal auf der Strecke bleiben.

Dass Filialisten bereits seit vielen Jahren den Buchhandel prägen hat nichts mit Preisbindung ja/nein zu tun: Große Ketten und Discounter können billiger einkaufen und mehr Rabatte geben, während sie gleichzeitig als Teil eines Konzerns etwaige Ausfälle, hohe Mieten und Werbemaßnahmen besser verkraften können. Eine Beschränkung des Angebots ermöglicht Einsparungen in der Logistik, Filialführung (Regale und Organisation), Auswahl der Mitarbeiter und Umfang des Marketings. Der Discounter wird sein Angebot nicht erweitern, nur weil die Bücher schweizweit zum selben Preis verkauft werden müssen – die genannten Faktoren sind einflussreicher auf Umsatz und Gewinn und damit wichtiger für die Basis, auf der Discounter bauen.

Diese Möglichkeiten hat der inhabergeführte Laden nicht, und bekommt sie auch nicht durch eine Buchpreisbindung.

Auch bleibt die Website eine Erklärung schuldig, weshalb regionale Angebote davon profitieren, schweizweit zum gleichen Preis verkauft zu werden. Respektive weshalb das die letzten fünf Jahre ein riesiges Problem gewesen sein soll.

Sichert Vielfalt und fördert Schweizer Literatur.

Diese Unterseite spricht von „Buchvielfalt statt Einheitsbrei“, ohne eindeutig zu belegen, dass diese Vielfalt von schweizweit festgelegten Endverkaufspreisen beeinflusst wird.

Die Buchpreisbindung führt zum Wettbewerb über Inhalte, Kreativität, Innovation und Vielfalt. Damit bleibt garantiert, dass Schweizer Verlage auch in Zukunft Schweizer Autorinnen und Autoren entdecken, zukünftige Dürrenmatts und Bichsels ihren Platz in der Buchhandlung haben und das Schweizer Kulturschaffen stark bleibt.

Dieser Wettbewerb besteht bereits seit mehreren Jahrzehnten, wenn nicht gar seit dem Entstehen des Verlagswesens: Verlag kommt von „vor-legen“; jemand investiert in ein Manuskript in der Hoffnung, damit einen Gewinn zu erzielen.

Gewinn wird erwirtschaftet, wenn genug Menschen das Produkt – hier, das Buch – kaufen. Was auch heißt: Ein Verlag verlegt kein Buch, in dem er keine (oder eine zu geringe) Gewinnmöglichkeit sieht. Außer, es handelt sich um Liebhaberei, die durch andere Bücherverkäufe quersubventioniert werden kann. Hier sind dann jedoch für Verlag und Autor minimal schwankende Verkaufspreise weniger relevant als die Anzahl der vermittelten Bücher.

Für Autoren ändert eine Buchpreisbindung in dieser Hinsicht nichts: Entweder, das Manuskript überzeugt den Verleger (könnte also Gewinn erwirtschaften) oder nicht. Und falls nicht hatten Autoren noch nie so viele Möglichkeiten wie heute, ihre Inhalte trotzdem der Öffentlichkeit zu präsentieren oder zu verkaufen. Die Kalkulation von Verlagen spielt bei autorenvertriebenen eBooks oder Print-on-Demand-Büchern keine Rolle, die Diversität ist davon nicht berührt.

Dürrenmatt war übrigens bei Diogenes. Gesamtauflage über 200 Millionen Exemplare und gut 6000 Titel, einer der wichtigsten Verlage im deutschsprachigen Raum. Bichsel hingegen hat im Eigenverlag publiziert, bis er schließlich in der Weltwoche und dann Schweizer Illustrierten veröffentlichte. Beides (damals) große, finanzstarke „Player“ im Schweizer Markt. Als Beleg, dass die Buchpreisbindung Klein(st)verlagen und Sparten-Autoren hilft, sind beide denkbar ungeeignet.

Senkt Preisunterschiede zum Ausland.

Diese Unterseite will den Wählern erklären, dass ungebundene Preise zu höheren Verkaufspreisen führen. Respektive gebundene Preise zu billigeren Büchern. Sie bemüht dabei dieses Argument:

Zwischen 1983 und 2007 betrug die Teuerung in der Schweiz 55 Prozent. Beim Buch waren es nur 15 Prozent. Der Preis für ein Konzertticket oder eine Tasse Kaffee ist in dieser Zeitspanne rasanter gestiegen.

Das ist korrekt: Vor der Aufhebung der Preisbindung sind Bücher in der Schweiz weniger als die Teuerung, nun ja, teurer geworden. Das ist nicht verwunderlich, befanden sich die Bücherpreise bereits auf einem hohen Niveau, besonders verglichen mit den Preisen im Ausland.

Polemisch: 4 % von 40 Franken (vor der Aufhebung der Buchpreisbindung) sind prozentual gesehen weniger als 6 % von 25 Franken (nach der Aufhebung). In absoluten Zahlen ist die höhere Teuerung dennoch die für den Konsumenten günstigere.

Es fehlen Belege, die zeigen, dass die unterschiedlichen Preissteigerungen der Buchpreisbindung bzw. deren Fehlen geschuldet sind. Wieder: Korrelation ist nicht Kausalität. Die deutsche Preisentwicklung, die in diesem Zeitraum auf einem deutlich niedrigeren Niveau begonnen hat mit einer 100%-Skala gegenüberzustellen ist, nett ausgedrückt, speziell. Besonders, wenn man sowohl die politischen Veränderungen als auch die Marktbereinigung durch Großhändler wie Thalia ausblendet. Die übrigens in ihrer gegenwärtigen Form durch die deutsche Buchpreisbindung begünstigt wurde und wird.

Wenden wir uns den Verleger- und Autorenzitaten zu.

«Die kleine Landschule soll ein Schulbuch zum gleichen Preis kaufen können wie die grosse Agglo-Gemeinde.»

(Peter Uhr, Verlagsleiter, Schulbuchverlag plus, Bern.)

Das wird durch das vorgelegte Buchpreisbindungs-Gesetz nicht besser gewährleistet als ohne: Mengenrabatte sind sogar explizit als zulässig aufgeführt.

«Die Buchpreisbindung fördert die Vielfalt der Buchhandlungen. Gäbe es nur noch Discounter, könnte man keine Zürcher Bibel mehr kaufen.»

(Gallus Weidele, Geschäftsleiter voirol – Die Oekumenische Buchhandlung.)

Eigentümergeführte Buchhandlungen werden mit der Buchpreisbindung gegenüber Discountern schlechtergestellt: Letztere können mit dem Lieferanten größere Rabatte aushandeln (Zwischenverkaufspreise sind im Gesetz nur mit branchenfremden Unternehmen geregelt, nicht mit Buchhändlern) und dann im Preiskampf laut Artikel 6 „Allgemein zulässiger Rabatt“ übers ganze Sortiment 5 % billiger verkaufen. Was sie sich eher leisten können als der unabhängige Buchhändler.

Auch fehlt mir ein Grund, weshalb die Zürcher Bibel nicht mehr lieferbar sein soll, wenn sie z.B. von Ex Libris billiger angeboten werden könnte, Ex Libris dies aber nicht tut: Discounter führen solche Bücher nicht, weil es dem Geschäftsmodell „Einheitsbrei“ widerspricht. Eine Buchhandlung, die die Zürcher Bibel führt, steht also nicht in direkter Konkurrenz mit dem Discounter.

«Ich lebe in einer kleineren Stadt. Die Buchhandlung ist das kulturelle Zentrum, das auf die ganze Stadt ausstrahlt. Ohne Preisbindung würde sie dieses rasch verlieren.»

(Prof. Dr. Rainer J. Schweizer, Universität St.Gallen.)

Ist diese Ausstrahlung auch preisgebunden? Oder hängt es an den Händlern und Angestellten, dem Ladengeschäft, dem „Mehr“, das diese Buchhandlung bietet? Mit einer Buchpreisbindung könnte diese Buchhandlung dieses „Mehr“ nicht durch etwas höhere Preise gegenüber Discountern finanzieren und würde erst recht eingehen. Und wenn sie ohne Preisbindung diese Ausstrahlung schnell verliert – wie konnte die Buchhandlung die letzten fünf Jahre ohne Buchpreisbindung überleben, und die neun Jahre zuvor, als der Streit um die Buchpreisbindung zu vielen Ausnahmen in der individuellen Preisgestaltung führte?

28. Januar 2012, ergänzt 29. Januar 2012

Public service announcement: How to be a rebel.

Thursday, July 28th, 2011

One would think that Switzerland’s orderly and somewhat overly clean society made it easy to be A Rebel: Just do the opposite from what signs and common sense tell you to do. In reality though, the Swiss find it exceedingly hard to disobey orders, both direct and inherent ones. Not because they were a particularly bland type of sheeple, but because most of them rules seem sensible inside the bounds of social contract.

So we’re lost, our puny attempts at anarchy stop short of using the wrong fork at a gala dinner. Thank goodness I’ve had the opportunity to observe a selection of touristes étrangers while staying at hotels up in the Alps. As a service to my readers, I’ll share what I learned re: proper misdemeanor.

  1. Driving on the right is for wimps. Make sure to steer your Humvee clear of any street guides and use the middle of the road only, especially if it’s one of them curvy, narrow mountain pass roads leading to the resort.
  2. Assume everybody on hotel grounds not only understands but also speaks your particularly weird Flander dialect. Get riled up at noticing this ain’t so.
  3. Variant: Assume no-one in Switzerland speaks English, French, or Italian, and crack rassist jokes at the top of your voice.
  4. It might be a pool shared by all lodgers, but you’re in love! So boink your significant other as much as your loins permit.
  5. Bonus points if you use the kids’ inflatable banana float while doing so.
  6. A propos pool area: If there’s a single shower next to the pool – to cool off prior to jumping in – and more showers in the changing rooms settle for the former to do your weekly body scrub. Take your time.
  7. Cigar butts decompose easily stuck into lobby flower pots. No need for trash cans or, Gods forbid! ash trays.

I hope this short list will become helpful once you decide life’s too old and boring. Kant’s a cunt anyway, so forget about the Golden Rule and just be yourself. Everybody else will look up to you as a prime example of human egotism self-expression. And what’s a bit of love juice between friends?

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None shall pass.

Wednesday, July 27th, 2011

The best way to deal with your driving anxiety is choosing the passage over the mountains rather than the tunnel road. People race through tunnels, a passage is far more relaxed and quaint.

Never mind pass roads still are considered highways here in Switzerland. Thus there’s both a lower and upper speed limit, the latter the same as many tunnels’, i.e. 80 km/h. Hey, you’re 68 years old, live in the hilly Canton of Nidwalden, and you have half a century of driving panic under your rather taut belt. Neither serpentine corners – secured by flimsy posts marking the divide between the road and a 300 meters drop – nor irate bus drivers tied to a schedule which doesn’t allow for forty kilometers at 20 mph, nor possibly intoxicated tourists riding their BMW race bikes will make things worse. Will they?

Call it confrontation therapy if you may.

For maximum therapeutic effect, never use one of the abundant sightseeing platforms to swerve off the main road, letting them two dozen irritated drivers behind you pass. It’s passage, not pass, after all.

Also, constant driving speed is overrated, especially on roads where cows might stumble onto your path. The cue of drivers behind you won’t mind to adjust their driving speed by plus/minus 20 km/h to your insecurity and every whim. No, never. What a novel idea.

For Chrissakes.

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