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Autismus, Asperger, dumme Berichterstattung und: persönliche Transparenz.

Update August 2014: Falls sich wer sträubt, wegen etwaigen Wagner-Anfällen oder unflätiger Sprache Texte von angrysaschaisangry.com zu teilen, aber diesen Artikel eigentlich noch lesenswert für Familie und Freunde findet, nun ja, CARTA hat ihn auch gebracht.

Ich werde erstaunlich oft gefragt, ob ich mich so für den Themenbereich »Autismus« interessiere, weil ich selbst »an Asperger leiden würde«. Das ist nicht der Fall. Aber um für die Zukunft einen einfach-verlinkbare Antwort bereithalten zu können folgen meine Ausführungen zu diesem Thema.

Aktueller Anlass für diesen Beitrag ist die erschreckend dumme Berichterstattung von Focus Online über einen BND-Doppelagenten. Ich kann nicht anders als Fotobus zustimmen: Was soll das? Clickbait? Verkauft sich so etwas gut? Merken die verantwortlichen Personen nicht, was sie damit bei Betroffenen und für den öffentlichen Diskurs anrichten?

Wie würden Leser reagieren, gäbe es Schlagzeilen wie »Amokläuferin trank Import-Bier!« oder »Enthüllt: Betrüger mit blauen Augen zockte Rentner ab«? Genau, man würde sagen: Die Bierauswahl oder die Augenfarbe hat doch nix mit der Straftat zu tun. Und sollte entsprechend auch kein Aufhänger für eine Schlagzeile sein.

Asperger/Autismus hat nichts mit Gewaltbereitschaft oder krimineller Energie zu tun. Rein. Gar. Nichts. Das kann höchstens ein Nebenschauplatz sein. Korrelation, nicht Kausalität. Weshalb sich insbesondere die deutschsprachige Presse und ein wachsender Teil von Politikern so darauf einschießt ist mir unverständlich.

Eine Kausalität mit Wortformen wie »seine parlamentarische Arbeit ist autistisch« oder »Doppelagent leidet unter Asperger-Syndrom« zu forcieren ist einfach nur dumm. Aber ich wollte ja eigentlich über Transparenz schreiben. Beziehungsweise transparent sein.

Ja, weshalb gehst Du bei dem Thema jedes Mal ab wie ein Zäpfchen?

Das hat zwei Gründe.

  1. Ich habe mehrere Autisten im Freundeskreis.
  2. Ich lebe mit einer »Erkrankung im Formkreis der Schizophrenie«, wie es immer so hübsch heißt.

Enge Freunde, lieb gewonnene Menschen durch mediale Berichterstattung und politischen Jargon als verschlossen, abgehoben, in einer »eigenen Welt lebend«, gewalttätig, empathielos und so weiter charakterisiert zu sehen geht mir gegen den Strich. Es ist nicht nur unfair sondern einfach nur: falsch. Falsch im Sinne von »faktisch falsch« oder »Wort falsch verwendet«. Auf Englisch: es ist ein error. Es ist nicht nur wrong. Besagten Journalisten und Politikerinnen lege ich nahe, sich über Autismus zu informieren und sich einzulesen. Vielleicht hört der Kack dann endlich auf. Aber ich zweifle daran.

Womit wir bei Punkt zwei wären. Ich habe mich mittlerweile damit arrangiert, dass Menschen das Wort »schizo« im Sinne von »gespaltene Persönlichkeit« oder vereinfacht »widersprüchlich« einsetzen. Aber es ist dennoch falsch. Wieder: error, nicht wrong. Für uns Schizos ist der sprachpragmatische Zug abgefahren, mit allen negativen Konsequenzen: In der neurotypischen Bevölkerung werden wir als Freaks wahrgenommen, die sich mit multiplen Persönlichkeiten herumschlagen, deshalb unberechenbar und gefährlich seien und wie Pruitt Taylor Vince sabbernd und/oder mordend durchs Leben schreiten. Wenn wir das nicht tun, dann wären wir auch nicht betroffen.

Das erschwert sowohl die Akzeptanz als auch die Inklusion als auch im schlimmsten Fall (gesundheits-)politisch nötige Stütze. Wenn sich nach dem ganzen Schizo-Wahn in Medien und Sprachgebrauch die Meute nun auf Autisten stürzt geht bei mir die Alarmsirene los, und, nun ja, angry Sascha is angry.

Dazu kommt, dass viele Dinge, mit denen sich Asperger/Autisten herumschlagen, auch mich als Schizotyp betreffen. Reizüberflutung. Etwaige Absenzen oder mood swings als Reaktion darauf. Unsere hart erarbeiteten skills dagegen sind fast dieselben. Dass man es uns nicht ansieht ebenso. Dass Medien und der politisch-gesellschaftliche Diskurs darauf zurückgreifen: dito. Kein Wunder dass ich zum metaphorischen Zäpfchen werde: Ich kenne den Scheiß schon. Und ich will nicht, dass noch mehr Menschen den Scheiß auch abbekommen.

Bleibt die Sache mit dem Leiden. Wie in »BND-Doppelspion leidet unter Asperger-Syndrom«. Es tut mir schrecklich leid (ha!), das ist Niveau »ist an den Rollstuhl gefesselt«. Wirklich, wirklich dumm. Ich zumindest leide häufiger an auf falschen Fakten basierenden Interpretationen und fehlender Flexibilität als an meinem Zustand. Mit diesem lebe ich. Und das seit bald 40 Jahren nicht schlecht, danke der Nachfrage.

Falls sich also auch nach diesem Text jemand wundern sollte, weshalb ich mich fürs Thema interessiere bzw. Dummjournalisten und Blödpolitiker nur schon wegen ihrer Wortwahl angreife: Nun ja, deshalb. Nicht, weil ich selbst betroffen wäre. Sondern weil ich Betroffene kenne, bei anderen Themen gleiches erleben musste – und es einfach nur eines ist: Dumm.

Nachtrag: Lesenswertes von Mela Eckenfels zum Thema findet sich hier.

Frühling, Inklusion, Postauto Schweiz und Filter Bubbles.

Gestern noch beflucht, heute das Gegenteil erlebt. Dieses Prinzip kennt Ihr wahrscheinlich. Konkret: Der Umgang mit »Menschen mit Behinderung« in der Öffentlichkeit. Und was ist öffentlicher als der öffentliche Verkehr?

Ich bin auf den ÖV angewiesen. Ich habe nie den Führerschein gemacht, ich besitze nicht einmal ein Velo, aus Gründen. Aber wenigstens sitze ich nicht in einem Rollstuhl, der sporadische Krückstockeinsatz reicht. Mir. Anderen nicht. Und hier fängt’s an.

Rollstuhl am Bahnhof ist ein Thema. Voranmelden, x Pendler, die eine Schnute reißen, wenn das gelbe Ungetüm von Rolli-Lift herangekarrt wird. Bei Bus und Postauto gibt es keine solchen Lifte. Da sind die Chauffeurinnen (Chauffeusen?) und Chauffeure bei der Unterstützung gefragt. Und Passagiere in einem Automobil mit 20 Sitzplätzen werden damit etwas direkter konfrontiert als in einer 8er-Zugkomposition.

Im Idealfall läuft’s so wie heute. Ich stand rauchend an der Bushaltestelle, neben mir ein Mann Mitte 30 im Rollstuhl mit einem dieser schrägen Zieh-Geräte. Also, der saß natürlich, aber egal. Jedenfalls: Postauto fährt ran und da es eine Endhaltestelle bzw. Starthaltestelle war musste die Chauffeurin (oder Chauffeuse) zuerst einmal den Bus reinigen. Plötzlich stürmte sie nach vorn ins Führerhäuschen und senkte den Bus, hastete zurück und öffnete die Türe.

»Oh, ich hatte Sie noch nie auf diesem Bus. Möchten Sie mitfahren, oder warten Sie auf den Nächsten?«

Der Rollifahrer war leicht verdutzt, sich auf anschließende Nachfrage meinerseits anderes gewöhnt. Klappe, nun ja, ausgeklappt, reingerollt, »Wo müssen Sie denn aussteigen?« Er musste an meiner Station raus, also bot ich an, das Geklappe zu übernehmen. Die Busfahrerin konnte kaum ihren Ohren glauben. Ein Passagier will das machen? Echt jetzt?

Ich weiß von der »Filter Bubble«, von der Wahrnehmungsblase. Mir war immer klar, dass meine Wahrnehmung auch in Sachen »wie geht die Öffentlichkeit mit Behinderungen um?« von meinem persönlichen Umfeld beeinflusst, vielleicht sogar definiert wird. Nun ja, heute kamen weitere etwaige Wahrnehmungsblasen hinzu, und nicht zum ersten Mal die eines Direktbetroffenen.

Vielleicht lag es ja am drohenden Frühlingsanfang, vielleicht standen die Sterne richtig (im lovecraftschen Sinne), aber heute lief es einfach nur … normal. Weder Passagiere noch Angestellte waren irritiert oder gar wütend (das habe ich tatsächlich schon zu Genüge anders miterlebt), aber gleichzeitig war die Situation nicht bevormundend-überhöflich. Der Rollifahrer war einfach Kunde und Mit-Passagier. Keine Last und kein besonders schutzbedürftiges und bedauernswertes Mitglied unserer Gesellschaft.

Dickes Kränzchen an die Postauto-Chauffeurin (oder meinetwegen auch Chauffeuse) auf dem 829er nach Müllheim. Und das Kränzchen winde ich auch weiter an die heutigen Passagiere. Kein »Was will der IV-Schmarotzer hier?«, kein »der soll ein Taxi nehmen, genug Geld bekommt er ja«, kein »und wo stell ich jetzt meinen Einkaufswagen hin?« mit leiser Stimme.

Vielleicht ist weiterreichende Inklusion doch möglich. Zumindest bei Sonnenschein, oder an einem Wochenende.