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Die WWDC14-Keynote deckte auf, dass ich unmodern bin.

Ein neues Jahr, eine neue Apple Entwickler-Konferenz. Auch aus beruflichen Gründen wollte ich sie mir »live« ansehen, immerhin war auch OSX 10.10 auf der Liste. Was ich nach 90 Minuten lernte: ich stecke im 20. Jahrhundert fest.

Schon von der ersten Minute an, beim Werbefilm, beschlich mich das Gefühl, dass ich das Konzept »Smartphone« die ganzen Jahre falsch verstanden haben könnte. Für mich ist ein Telefon vor allem eines: Kommunikations-Maschine. Mit ein Grund, dass ich vor ein paar Jahren meinen Wechsel von Blödfon auf Schlaufon mit einem Blackberry erledigte: Guter E-Mail-Client, geile Tastatur, perfekt für SMS, Mail, Twitter und Chat geeignet, Wechsel-Akku und geringer Stromverbrauch. Meine Kollegen lachten mich größtenteils aus, da gäbe es ja kaum Apps für. Ich verstand den Einwurf nicht; wenn ich unterwegs spielen will gibt’s bessere Alternativen, die mir nicht auch noch den Kommunikations-Akku leer saugen. Ich hatte noch nie Musik auf einem Handy, aus demselben Grund. Dass sich Leute so über Spotify oder gar Zattoo auf dem Handy freuten verstörte mich. Und so weiter, und so fort.

Jedenfalls lief der Werbefilm-Vorspann, ich kannte die meisten der darin angerissenen Apps dem Namen nach. Aber langsam beschlich mich das Gefühl, dass für einen Haufen Leute das Smartphone eine zentralere Rolle im Leben einnimmt als nur »Kommunikation« und »Unterhaltung«. Abstrakt dachte ich mir das schon länger, aber es perlte irgendwie an mir ab. Gestern jedoch verstand ich es endlich.

Natürlich sind mir die ganzen Fitbit-Geräte bei den Telefonhändlern auch aufgefallen, ebenso Lösungen, um mit dem iPad die Zimmerbeleuchtung oder den Fernseher zu steuern. Aber erst während der Keynote merkte ich, dass solche Konzepte keine Spielereien sind, zumindest nicht für einen großen Teil der Nutzer. Ich kenne Leute, die haben mehrere hundert Apps auf ihren Handys. Nicht nur Spiele oder verschiedene Messenger, sondern Musikstudio-Apps, Apps für Fluglinien, Universal-Fernbedienungen, ÖV, eBanking, Sprachtrainer, Schrittzähler und so weiter.

Gestern verstand ich: Das Handy ist für diese Menschen in erster Linie nicht Kommunikationszentrale sondern so etwas wie eine Erweiterung ihres persönlichen, durchaus auch physikalisch-praktischen Lebens. Natürlich gehört da auch Kommunikation dazu. Aber die Integration von »Smartphone« und »Leben« geht offenbar sehr viel tiefer als ich es verstanden hatte. Beziehungsweise wegen meiner persönlichen Smartphone-Nutzung als relevant erachtete.

Wenn jemand sein Handy verlegte war meine Frage ob des Panikanfalls immer: »Erwartest Du denn einen wichtigen Anruf?« und ich konnte das böse Glitzern im Auge und das gegrummelte »was???« nicht nachvollziehen. Aber für die panischen Handysucher war da nicht einfach der Kommunikationsweg verstellt, sondern sie verlegten auch einen mehr oder weniger großen Teil ihres »Real Life«. Würde ich einer Musikerin, die ihre Bassgitarre am Checkout sucht, auch sagen »Hast Du denn keine Ersatz-Gitarre?« Einem Autofahrer, der die Schlüssel verloren hat »Hast Du denn kein Halbtax-Abo?« Natürlich nicht.

Ganz ab von den vorgestellten Neuerungen war die Keynote für mich also ein Reality-Check. Nur, weil es mir nie in den Sinn gekommen wäre, Garagentüren mit dem Handy zu öffnen, meinen Schlafrhythmus damit zu überwachen oder darauf Kursunterlagen durchzuarbeiten heißt das noch lange nicht, dass das für viele, viele Menschen keine zentralen Smartphone-Aufgaben sein könnten. Oder sein werden.

Werde ich diese Smartphone-Welt irgendwann betreten können, betreten wollen, oder wird mich bis dahin der Altersstarrsinn (»Das habe ich schon immer so gemacht!!!«) übermannen? Ich bleibe gespannt. Und ich werde weiter darüber nachdenken müssen, was ich überhaupt davon halte. So ganz grundsätzlich unzo. Stichworte Datenschutz und Abhängigkeiten / Lock-in.

Apple und die Reseller.

Wir schreiben das Jahr 2006. Das erste Macbook Pro, der erste Mac mit Intel-Prozessor überhaupt, wird vorgestellt. Nach einigen Monaten kann sich auch der Erni dazu überwinden, eines zu bestellen. Da es damals noch keine Apple-Stores in der Schweiz gab, er aber einen »physikalischen« Ansprechpartner wollte, wandte er sich ans Unternehmen Dataquest in Zürich. Immerhin ein »Premium Reseller« von Apple. Aber sie konnten nicht liefern, verwiesen darauf, dass sie von Apples Lieferungen abhängig seien. Aber es würde sicher nur wenige Tage dauern.

Nach über zwei Monaten bekam Sascha dann auch sein Macbook Pro. Zwei Wochen später wurde der Core-2-Duo-Nachfolger vorgestellt. The Erni was not amused. Aber egal.

2013.

Das Netbook der herzallerliebsten Zora macht nach einigen Jahren die Grätsche. Es steht ein Neukauf an. Sie tendiert zum Macbook Air, aber sie braucht es so schnell wie möglich – denn besagte herzallerliebste Zora steckt mitten im Lektorat für ihre Romanveröffentlichung. Wir klappern alle Ladengeschäfte in Frauenfeld ab, nirgends ist das gewünschte Modell erhältlich, obwohl es überall zum Verkauf angeboten wird. Also bezahlt Zora beim »Apple Partner« Manor. Genau DAS Gerät haben’s zwar auch nicht vorrätig, soll aber so in ein bis zwei Wochen da sein. Sie bekämen von Apple 3x die Woche eine Lieferung. Was genau wissen sie nicht, aber Apple würde die Verkäufe beachten.

Drei Wochen später platzt auch mir der Kragen. Ich wurde wohl von meinem Dataquest-Erlebnis getriggert. Also täglich nachgefragt, wo das Ding bleibe – denn im Online-Apple-Store war’s als »Versand in 24h« geführt, schon die ganze Zeit. Dann paranoid bei Apple angerufen: Gibt es das Modell überhaupt noch?

»Die Story des Manors ist unplausibel«, wurde mir versichert. »Wir haben die Geräte ja hier. Ich weiß auch nicht, wo Manor da ein Problem hat.«

Der Manor hat dann ein Gerät in einer anderen Filiale auftreiben können – ein anderer verärgerter Warter hat sich das Ding bei Apple direkt gekauft, so wurde das Gerät »frei«. Und ich hatte ein längeres Gespräch mit der Manor-Verantwortlichen. Sie betonte immer wieder, dass das das sei, »was sie mir sagen könne«.

  1. Manor ist »Reseller«. Wie es auch Dataquest damals war, und heute immer noch ist.
  2. Apple bedient immer die eigenen Shops, incl. Online-Shop, zuerst.
  3. Reseller bekommen ein Kontingent zugeordnet. Sie haben keinen Einblick in die Liefersituation bei Apple, noch können sie irgend etwas an der Liefersituation ändern oder Einzelgeräte oder gar Ersatzgeräte für defekte Lieferungen direkt anfordern. Verkäufe bzw. Bestellungen in den Shops werden allerdings sofort ans Kontingent angerechnet, egal, ob die Geräte am nächsten Tag oder erst nach ein paar Monaten an die zentralen Verteiler der Reseller geliefert werden, oder in der Zwischenzeit beim Reseller x Retouren reinkamen. Die Reseller haben keinen Einblick in die Liefersituation und müssen darauf warten, was Apple wohl wann liefert.
  4. Es ist egal, ob’s ein Shop-in-Shop Reseller ist (z.B. Media Markt), ein »Premium Reseller« wie Dataquest, oder Orange, oder Sunrise, oder Manor. Sie alle sitzen ganz hinten in der Futterkette. Und werden nicht über die Liefertermine spezifischer Modelle informiert. Sie bekommen aber viel Marketingmaterial, auf Wunsch wird das Verkaufspersonal auch von Apple geschult. Sie können dann die Aussteller vorführen und die Vorzüge loben, wann die Geräte auch tatsächlich geliefert werden? Darüber gibt es keine Auskunft.
  5. Worüber sie aber (manchmal) informiert werden sind neue Geräte. Das allerdings erst nach der weltweiten Vorstellung besagter Geräte. Ist’s noch nicht offiziell, dürfen’s auch nix zu sagen. Montag müssen sie den Kunden, die nach einem noch-nicht-offiziell-angekündigten Macbook fragen sagen: »Das ist ein Gerücht«. Mittwoch haben’s einige der neuen Geräte überraschend in der Lieferung, ohne Vorankündigung.
  6. Nachfragen seitens der Reseller-Filialen ist nicht möglich, es wird auf die Lieferung an die Zentrale der Reseller verwiesen. Besagte Zentrale hat aber auch keine Infos außer »ihr bekommt schon noch welche, ihr habt ja bereits Geräte verkauft.«
  7. Die Zeitspanne kann extrem sein. Manor erwähnte das iPad Mini: Ende Oktober 2012 vorgestellt, ab November auf Weisung von Apple bei Manor kaufbar bzw. bestellbar. Die erste Charge haben’s dann im Februar 2013 bekommen. Für diejenigen Kunden, die noch nicht mit Schaum vor dem Mund und mit Anwalt gedroht haben, weil es schon ein Vierteljahr sofort im Apple Store abholbereit rumlag.

Ich fragte dann: Weshalb zum Geier lasst ihr Euch so etwas gefallen? Knappe Antwort: »Es wird vom Kunden erwartet, dass wir Apple führen.« Und dort gilt Alles oder Nichts. Akzeptierst Du als Unternehmen diese Bedingungen nicht, kannst Du nicht mal einen popeligen iPod Shuffle verkaufen. Parallelimporte gehen in der Schweiz so oder so nur schwer.

Es sei auch gar kein sooo großes Problem, das Meiste bekämen sie innerhalb von drei Tagen. Außer bei Neuvorstellungen von »heißen« Geräten (z.B. iPad Mini oder das neue MacBook Pro 13″ Retina). Die Reseller bekommen solche Geräte in homöopathischen Dosen (plus Aussteller und Marketing-Material), ansonsten werden sie nach Kontingent, bestimmt durch Käufe / Bestellungen, beliefert. Wenn Apple gerade mal Bock drauf hat, die Zentralen zu beliefern.

Böse Zungen behaupten, so soll der Apple Store befeuert werden – und ja, nach diesen zwei Erlebnissen tendiere ich trotz Hintergrundwissen dazu, in Zukunft, falls überhaupt, direkt bei Apple zu bestellen. Anders als 2006 gibt’s ja heute Apple Stores in der Schweiz. Dass die Reseller so zu Werbeflächen degradiert werden ist aber mehr als daneben und schadet ihnen, meiner Meinung nach, langfristig mehr, als dass sie vom »dass wir Apple führen wird von uns erwartet« profitieren.

Beim iPhone sieht die Sache minimal anders aus, da in der Schweiz die meisten Mobiles eh zusammen mit einem Vertrag verkauft werden. Die Prioritätenliste von Apple funktioniert dort aber vergleichbar. Und da steht z.B. Orange weit hinter dem Platzhirsch Swisscom.

Edith sagt: Zwei weitere Reseller, die im Artikel nicht genannt werden, haben sich zum Artikel gemeldet. »Ja, genau so! Aber bitte die Zustimmung vertraulich behalten, ja?« Ja. Aber unterstreicht irgendwie das Stockholm-Syndrom mehr, als dass es mir lieb ist …