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Eidgenössische Volksabstimmung vom 22. September 2013: Ich schlage GSoA als Akronym für »beschissene Kommunikation« vor, auch wenn die Buchstaben nicht passen.

Am 22. September stimmt der Schweizer Souverän, also das Stimmvolk, wieder über x Dinge ab. Gelebte Demokratie, gut! Ich wundere mich allerdings über verschiedene Aspekte aller eidgenössischen Vorlagen. Heute: »Schweiz schwächen?«

Wir dürfen über die so genannte GSoA-Initiative abstimmen. Die »Gruppe für eine Schweiz ohne Armee« will mit diesem Vorstoß die bestehende Wehrpflicht aufheben: Niemand soll verpflichtet sein, Militärdienst zu leisten, aber die Schweiz soll einen »freiwilligen Zivildienst« haben. Im Rahmen der bestehenden Gesetze heißt das: Die Wehrpflicht wird abgeschafft, an ihre Stelle soll eine freiwillige Milizarmee treten. Insbesondere Artikel 58 der Bundesverfassung der schweizerischen Eidgenossenschaft wird nicht revidiert. Es soll also immer noch gelten: »Die Schweiz hat eine Armee. Diese ist grundsätzlich nach dem Milizprinzip organisiert.«

Die Probleme mit dieser Vorlage beginnen mit dem Namen des Komitees: »Gruppe für eine Schweiz ohne Armee«. Entsprechend riecht ein großer Teil der Abstimmenden eine gammlige Salami, insbesondere da die GSoA mit direkteren Vorstößen wiederholt gescheitert ist. Die Gegner der Initiative interpretieren dies gerne als »ersten Schritt zur Abschaffung der Armee«, viele Befürworter begrüßen diesen »ersten Schritt«. Also redet man am Thema vorbei, argumentiert mit kriegsspielenden Nostalgikern auf der einen, mit idealistischen Romantikern auf der anderen Seite. Dabei steht alles Wesentliche im Text der Vorlage, im Abstimmungsbüchlein auf Seiten 10 und 11.

Es geht bei dieser Abstimmung nicht für oder gegen die Armee, denn dazu müssten unter anderem der oben erwähnte Art.58 und Art.59 angefasst werden. Es geht allein um die Frage: Wer soll Militär- und Zivildienst leisten müssen? Momentan müss(t)en das männliche Schweizer, und nur die. Die weiblichen Bürger unterliegen bereits der freien Wahl, trotz des Gleichstellungsartikels 8 Abs. 3 der Bundesverfassung. Dennoch sind rund 1000 Frauen als Angehörige der Armee im Schweizer Militär engagiert.

Nicht so viele … Und damit wird auch gerne argumentiert: wenn’s freiwillig wird, werden nicht genug geeignete Armeeangehörige gefunden werden. Immerhin wird mit der Armee XXI ein aktiver Bestand von rund 120.000 Mitgliedern (und Ohnegliedern) angestrebt. Aber:

Bereits heute dienen rund 50.000 Unteroffiziere, Offiziere und Berufsmilitärs in der Armee. Theoretisch ist die Entscheidung für die Offiziersschule in der Schweiz freiwillig. Oder war da doch mehr Zwang als Eignung und Engagement mit dabei? Diese Information lässt sich leider nicht verlässlich belegen, es gibt nur Anekdoten.

Anekdoten, ja. Davon gibt es tatsächlich viele. Da ich bei der Aushebung als »untauglich«, UT, eingestuft und nach wenigen geleisteten Wochen auch vom Zivilschutz befreit wurde (aus guten Gründen) werde ich an dieser Stelle nichts zu Zeitverschwendung, sexistischen Liedchen, verlorenen Panzern oder Frauennamen für Gewehre sagen. Ich kenne solche Geschichten nur vom Hörensagen, es wäre anmaßend, diese Anekdoten als Argumente zu verwenden. Und auch nicht zielführend, Anekdoten können nie gute Argumente sein.

Aber genau das passiert im gegenwärtigen, öffentlichen Diskurs: Besagte Frauenpanzergewehre tauchen vermehrt auf Seiten der Befürworter der Initiative auf, während die Gegner etwaige Sympathisanten in die alternative, blümchenküssende Baumumarmerecke stellen. Plus noch ein bisserl Hausbesetzer und Sozialschmarotzer. Und Schweiz, raaah!

Wird mit einer freiwilligen Miliz die Armee verweichlicht? Nein, daran denken die Gegner auch nicht, denn sie befürchten eher, dass sich nur noch »Rambos« für den Militärdienst melden würden. Hier frage ich: »Rambos« wie die freiwilligen 50.000 (Unter-)Offiziere und die freiwilligen 1000 Frauen, die bereits heute im Dienst sind? Gibt es da keine Checks-and-Balances, keine Prüfung der Kandidaten?

Persönlich geht mir die GSoA-Initiative zu wenig weit. Nicht, weil ich unbedingt die Schweizer Armee abschaffen wollte – dazu habe ich keine Meinung. Aber so wundert man sich als Stimmbürger über versteckte Trockenwürste. Falls die Abschaffung nicht das Ziel der Initiative sein sollte, muss insbesondere im Abstimmungsbüchlein anders kommuniziert werden. Oh ja. Und das lässt mich die Initiative fast (fast) automatisch an der Urne ablehnen, denn ich mag Konsequenz.

Wie soll mich der Slogan »Nicht alle haben Zeit, Krieg zu spielen« incl. eines leicht debil guckenden Uniformträgers davon überzeugen, dass eine freiwillige Milizarmee – denn nichts anderes ist nach Annahme des Abstimmungstextes möglich – toll sein soll? Stellt dieser Herr die »jungen Männer« dar, die, »warten. Eine rauchen. Durch den Schlamm robben. Noch eine rauchen. Sturmgewehr putzen. Warten.«?

Oder soll das das Ergebnis nach der Schaffung einer freiwilligen Miliz sein? »Nehmt die Initiative an, dann sind nur noch solche Vollpfosten im Militär und ihr müsst keinen Wehrpflichtersatz mehr zahlen?« Ist das die Message? Falls ja, wäre es direkter gegangen. Und ehrlicher. Konsequenter.

Ich werde die Initiative annehmen, aber aus anderen Gründen als das Initiativkomitee in der Werbung aufführt: Die aktuelle Umsetzung der Wehrpflicht ist zu willkürlich, man kann »Zivildienst« hauchen und dann jahrelang Wehrpflichtersatz zahlen. Oder im Rollstuhl sitzen, und auch zahlen. Oder schwerstbehindert in einem Pflegeheim leben, und auch zahlen. Allerdings nur, wenn man Penisträger ist. Oder Sportler sein, als »untauglich« eingestuft werden – und zahlen? Und so weiter. Willkür.

Es hat gedauert, bis ich zu meiner Entscheidung kam, auch, weil die Wehrpflicht aufgehoben werden soll, nicht nur wie im vielzitierten Beispiel »Deutschland« ausgesetzt. DAS wäre etwas für die Seite im Abstimmungsbüchlein gewesen: Begründungen, Erklärungen. Sachlich. Keine Berset-Blatter-Maurer-Kreuzung, die am Schreibtisch Krieg spielt.

Herrgott nochmals, holt Euch bessere Kommunikations- und Werbeleute. Vielleicht klappt’s dann auch mit der nächsten Abstimmung. Auch wenn ich mein Ja in die Urne lege gehe ich davon aus, dass die Abstimmung bomben wird. Ha, bomben. Genau. Vielleicht kann man dann auch noch ein lustiges Foto dazu machen.

Eidgenössische Volksabstimmung vom 22. September 2013: Wenn sich Impfgegner verrennen.

Am 22. September stimmt der Schweizer Souverän, also das Stimmvolk, wieder über x Dinge ab. Gelebte Demokratie, gut! Ich wundere mich allerdings über verschiedene Aspekte aller eidgenössischen Vorlagen. Heute: »NEIN zu DIESEM Epidemiegesetz«.

Es geht dabei um die Revision des Bundesgesetz über die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten des Menschen (Epidemiegesetz, EpG). Das alte Epidemiegesetz stammt aus dem Jahr 1970, einer Zeit vor Wochenendtrips nach Hong-Kong oder New York, einer Zeit vor HIV oder Ebola-Ausbrüchen. Einer Zeit, wo nicht von Arbeitslosen zwei Stunden Fahrtweg zur neuen Stelle verlangt wurden oder man mit der Bahn in einer Stunde von Zürich nach Bern kam.

Die Revision wurde am 28. September 2012 nach einigen Diskussionen im Parlament von einer deutlichen Mehrheit angenommen. Dagegen hat ein Referendumskomitee, nun ja, das Referendum ergriffen.

Der Gesetzestext ist nicht besonders kompakt, entsprechend verlinke ich aufs Abstimmungsbüchlein. Das Schweizer Stimmvolk entscheidet über den Abstimmungstext auf Seiten 24-49. Und hier fängt das Problem an: Der Text ist lang und mit total 20 Querverweisen auf andere Gesetze und Reglemente versehen. Entsprechend einfach haben es sowohl Gegner als auch Verschwörungstheoretiker, Behauptungen in den Raum zu stellen, die einer Überprüfung nicht stand halten. Geschieht das wissentlich, weil man einer eigenen Agenda folgt, wie es Stefan Schmid von der Aargauer Zeitung insinuiert, oder sind viele Gegner der Revision aufgrund der Komplexität überfordert? Das kann ich nicht wissen. Ich tippe so oder so darauf, dass persönliche Erfahrungen und Glaubensgebilde die wichtigere Rolle spielen als die Faktenlage.

Wie zum Beispiel im Schweizer Farbenfernsehen in der »Abstimmungsarena« vom 30. August gesehen oder in so ziemlich allen Kommentarspalten und Kanälen der »sozialen Medien« mitzuverfolgen, machen die eigenartigsten Behauptungen die Runde. Es ist von »Impfzwang« die Rede; davon, dass »Verweigerer« 5.000 Franken pro Nase Strafe zahlen müssten. Aber auch, dass im Kindergarten Sexualkunde auf Bundesebene verordnet werde, die bewusste Ansteckung mit dem HI-Virus straffrei würde und die Kantone Souveränität verlören.

Eine dieser Behauptungen stimmt sogar.

Im Folgenden gehe ich auf die Argumente des Referendumskomitees ein, wie sie im Abstimmungsbüchlein auf Seite 21 zu finden sind.

Impfempfehlung ja – aber keinen Zwang und keine Gesundheitsdiktatur durch Bund und WHO!

Was ich an dieser Stelle nicht verstehe: Weshalb wird Artikel 22 »Obligatorische Impfungen« im darauffolgenden Text nur am Rande erwähnt? Ein mögliches Impfobligatorium wird genau dort, und nur dort, geregelt:

Art. 22 Obligatorische Impfungen ~ Die Kantone können Impfungen von gefährdeten Bevölkerungsgruppen, von besonders exponierten Personen und von Personen, die bestimmte Tätigkeiten ausüben, für obligatorisch erklären, sofern eine erhebliche Gefahr besteht.

(Meine Hervorhebungen.)

Das mögliche »Impfobligatorium betrifft« also nicht »schlichtweg alle«, sondern nur im Falle einer »erheblichen Gefahr« genau zu definierende Bevölkerungsgruppen. Der vom Referendumskomitee kolportierte Artikel 7 regelt »außerordentliche Lagen« – wo vom Bundesrat »notwendige Maßnahmen« angeordnet werden könnten. Also doch Impfwang? Nö:

Die möglichen Maßnahmen finden sich in Artikel 51, Artikel 54, Artikel 55 und Artikel 70. Keiner dieser Artikel wird in der Nachricht des Referendumskomitees erwähnt. Sie regeln a) die Belieferung von Behörden mit Heilmitteln (Art.51), b) die Unterstützung der Koordination durch das EDI (Art.54), c) das zur Verfügungstellen eines beratenden Organs (Art.55) und d) die Entschädigung des Heilmittel-Herstellers nach einer vom Bund im Rahmen von Artikeln 22 und 55 empfohlenen oder angeordneten Maßnahme.

Der wichtige Punkt ist hier die »erhebliche Gefahr«; Zustände wie heute, wo ein Kanton mal kurz standardmäßig für gewisse Mitarbeitende in Kantonsspitälern ein Impfobligatorium ausspricht sind nicht mehr möglich. Es braucht einen akuten Grund dafür. Zum Beispiel ein Masern-Ausbruch an einer Schule, und kantonsweit geht dann auch nix. Wenn das ein Kompetenzverlust für die Kantone bedeutet, nun ja. Stimmt. Sie könnten nicht mehr willkürlich Obligatorien aussprechen und Bewerber ablehnen, wenn sie sich nicht daran halten. Ist das schlimm? Scheren sich Keime um Kantonsgrenzen? Ging es dem Komitee nicht darum, »unnötige Impfungen« zu vermeiden?

Das neue Gesetz macht Impf-Obligatorien schwieriger, schränkt die heutigen Möglichkeiten dafür ein. Stattdessen sprechen die Gegner der Revision von »möglichem Impfzwang«. Verstehe ich nicht. Aber weiter im Text.

Privatsphäre und Datenschutz werden verletzt, wenn Aufenthaltsorte, Kontakte oder Ergebnisse von medizinischen Untersuchungen (krankheits- oder ansteckungsverdächtig Art. 60) und Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe unverschlüsselt weitergegeben werden (Art. 59–62).

Jetzt wird’s ironisch: Der Bund kann aktuell keine exakten Fallzahlen erheben, weder zu Infektionen noch »Impfschäden«, denn diese Daten sind Kantonssache. Das wird ihm vom Referndumskomitee zum Vorwurf gemacht: Es gäbe keine exakten Zahlen, das seien alles nur Schätzungen, und sowieso, ein starkes Immunsystem hält jede Krankheit aus … und ohne Zahlen will der Bund »Maßnahmen« ergreifen dürfen? Ha! Lobby!

Nun ja, mit der Revision könnten endlich konkrete Zahlen erhoben werden, die Maßnahmen begründet und nachvollziehbarer werden. Das schmeckt offenbar einigen Menschen nicht. Weshalb? Wäre es nicht insbesondere für diejenigen, die davon ausgehen, dass Impfungen schwerkrank machen oder unnütz sind, interessant, endlich offizielle Zahlen dazu zu erhalten?

Dass Artikel 58 vom Referendumskomitee in der Nachricht nicht erwähnt wird wirkt etwas … speziell, werden doch darin nochmals Datenschutz und Persönlichkeitsschutz betont.

Dass mit der Revision des Epidemiegesetzes nicht-ansteckende Menschen endlich nicht mehr kriminalisiert werden blendet das Komitee gleich komplett aus, denn betroffen sind vorwiegend HIV-Positive. Sie mögen ja nicht mehr ansteckend sein, aber HIV = Sex = böse. Dafür kommt das Komitee dann damit:

Das Recht der Eltern auf Erziehung und die föderale Schulhoheit der Kantone werden verletzt durch die Einführung der Frühsexualisierung an den Schulen unter dem Vorwand der Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten (Art. 19, Abs. 2c). Die Erziehung ist nicht Sache des Staates.

Der besagte Artikel lautet allerdings so:

Art. 19 2c ~ Der Bundesrat kann folgende Vorschriften erlassen: […] Er kann Institutionen des Bildungs- und Gesundheitswesens verpflichten, Informationen über die Gefahren übertragbarer Krankheiten und Beratungen zu deren Verhütung und Bekämpfung anzubieten.

(Meine Hervorhebungen.)

Wie das »Anbieten von Informationen über die Gefahren übertragbarer Krankheiten« zu einer »Frühsexualisierung« führt und das »Recht der Eltern auf Erziehung« beschneidet ist nicht ersichtlich. Dass es im Artikel 19, »Allgemeine Verhütungsmaßnahmen«, unter anderem auch darum geht, dass der Bundesrat verlangen kann: »Bitte, liebe Spitäler, desinfiziert und sterilisiert eure Medizinprodukte! Und erklärt euren Mitarbeitern, wie eine Tröpfcheninfektion funktioniert!« ist egal. Ja, so eigenartig das klingt: Momentan ist das Sache der Kantone, ob sie in Spitälern und Pflegeheimen aufs oft genannte »Händewaschen« bestehen oder nicht.

Ich bin mir, mal wieder, unschlüssig und habe viele offene Fragen. Aber diese drehen sich um die Motivation der lautesten Gegner des neuen Epidemiegesetzes, weniger um das vorgelegte Gesetz. Ob sich jemand impfen lassen mag oder nicht ist Privatsache, vollkommen einverstanden. Aber daran ändert die Revision des Epidemiegesetzes nichts, im Gegenteil: Es erweitert die viel zitierte »Eigenverantwortung« für viele Menschen im Gesundheitswesen. Und es räumt mit fragwürdigen Punkten auf, die heute noch gelten – obwohl das dazugehörige Gesetz vor 40 Jahren in Kraft trat. Und aus genau diesen Gründen werde ich dem neuen EpG zustimmen.

Glosse: Thalia und Weltbild, oder wie man aus einer Abstimmung Marketingkapital schlägt.

Ich hatte mich gewundert, weshalb sowohl Thalia als auch Weltbild – zwei der vier größten Filialketten („Discounter“) im Schweizer Buchhandel – die Buchpreisbindung unterstützen. Jetzt zeigt sich allerdings ein so einfacher wie zynischer Erklärungsansatz.

Wie könnte der Gedankengang bei den beiden Buchhandelsketten ausgesehen haben? Es folgt eine sicher total an den Haaren herbeigezogene Spekulation, aufbereitet in handlicher Listenform:

  1. Dass eine Buchpreisbindung auf den Verdrängungswettbewerb der Standorte kaum Einfluss hat weiß zumindest Thalia seit geraumer Zeit.
  2. Der Konkurrent ExLibris hat sich mit der Unterstützung des Referendums – als vokaler Gegner einer Buchpreisbindung – positioniert.
  3. … dann könnte man sich marketingtechnisch ja ganz gut vom Schweizer Konkurrenten unterscheiden, wenn man sich zu den Befürwortern schlägt, nicht?
  4. Netterweise liefert das JA-Komitee auch noch massig Werbematerialien wie Poster, Aufkleber, Flyer und Buttons an die Befürworter. Mit Heidi drauf, das zieht in der Schweiz immer.
  5. Als einzigen Böölimaa im deutschschweizer Filialgestrüpp konzentrieren sich die Befürworter einer Buchpreisbindung auf ExLibris. Schön, dass man sich so einfach und preiswert aus der Schusslinie nehmen kann!
  6. Die große Konkurrenz der Discounter liegt im Online-Handel und bei den eBooks. Der Strukturwandel hat selbst für Thalia zu Filialschließungen in Deutschland geführt. Was liegt näher, als selbst eine eBook-Plattform mit eigenem Reader zu lancieren? Weltbild verteilt ihren Reader ja auch zum Ramschpreis.
  7. Und die verbliebenen Standorte werten wir dann mit Kaffeebars, Rolltreppen und Geschenkartikeln zu Konsumtempeln auf. Mit Heidi am Schaufenster. Genau.

Thalia und Weltbild können sich am 11. März gepflegt zurücklehnen. Sie haben bereits Vorkehrungen getroffen, um im Strukturwandel nicht komplett unterzugehen, und werden mit oder ohne Buchpreisbindung wie bisher ihre Marktmacht ausspielen. Mit der Heidi-Kampagne können sie sich in der Deutschschweiz vom ärgsten Konkurrenten auf einer moralischer Ebene distanzieren. Es geht ja immerhin um ein Kulturgut! Welcher Unmensch kann schon NEIN zum Buch sagen?

Es fällt sicher niemandem auf, dass neben dem Heidi im Schaufenster auch noch ein „Bestseller – jetzt 30 % günstiger“-Sticker klebt. Oder dass man den eigenen eReader zum Kampfpreis unters Volk bringt. Die Buchpreisbindung als Marketinginstrument. Kein dummer Ansatz, falls man davon ausgeht, dass der Ausgang der Abstimmung für den Geschäftsgang wenig relevant sein wird. Nicht dumm, aber auch nicht unbedingt großherzig.

Ich schließe mich in dieser Hinsicht dem Verleger Hans-Rudolf Wiedmer an: „Wenn das Gesetz angenommen wird, nehme ich das zur Kenntnis. Wenn es abgelehnt wird, ist das für mich kein Grund zum Jubeln.“

Schade, dass bei der ganzen Diskussion andere mögliche Gründe fürs Lädelisterben kaum Beachtung finden.